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 Ein Jahr California-Feeling oder der Beginn einer Karriere?
San2 (21), Frontmann der „Ramblin’ Five“, ist eines der
hoffnungsvollsten Talente in dieser Stadt. Nun ist er für ein Jahr nach San
Francisco gegangen, um sich musikalisch weiterzuentwickeln.
Ein richtiger Blues-Musiker, aus welchem Holz sollte der geschnitzt sein?
Kaputte Love-Storys, schwere Schicksalsschläge, Hang zum Alkoholiker. Erzählt
und singt Geschichten aus dem eigenen Leben, vom Lieben, vom Verlassen und
Verlassen werden. Sollte im Idealfall die 50 schon überschritten haben, ein
Gezeichneter sein.
Und da kommt ein gerade mal 21jähriger Sunnyboy daher,
einer, der früher schon ein Klassenkasperl war, Selbstbewusstsein aus jeder
Pore verstreut und einfach ein angenehmer Zeitgenosse ist. Daniel Gall heißt
er, aber so redet ihn kaum jemand an. Danny schon eher oder San2 (sprich: san-tu,
betont wird die zweite Silbe), ein Relikt aus Graffiti-Zeiten. Das hat er nämlich
auch gemacht, und das kommt ihm bzw. seiner Band, den Ramblin’ Five, noch
heute zugute: Er ist nämlich nicht nur Frontmann (Gesang, Mundharmonika,
Hammond-Orgel), sondern auch Manager, Plakatdesigner und Mastermind des
Sextetts, das sich mit einem fulminanten letzten Gig in der „Neuen Welt“ am
4. Juli dieses Jahres von seinen Fans verabschiedet hat; vorerst, denn im Herbst
2001 soll’s weitergehen. San2 ging vor ein paar Wochen nach Kalifornien, als
Au-pair-boy. Ein ganzes Jahr kümmert er sich dort um die Kids der Familie
Perkins in Alameda (bei denen er auch wohnt), eine Viertelstunde von Downtown
San Francisco entfernt.
„Ich vermisse Ingolstadt“
Der eigentliche Beweggrund war natürlich ein anderer. San2 möchte in den
Staaten sein Mundharmonikaspiel vorantreiben, möchte in Bands spielen, wollte
einfach ein Jahr Pause einlegen nach dem FOS-Abschluss. Einige Musiker hat er in
der Zwischenzeit schon aufgegabelt, und wann immer die Zeit es zulässt, wann
immer er die 20 Wochenstunden für die Perkins-Schreihälse runtergerissen hat,
geht er seiner Passion nach. „Eigentlich wollte ich gar nicht arbeiten hier,
aber dann hätte die Einwanderungsbehörde einen Riegel vorgeschoben. Außerdem
mag ich Kinder ganz gern und darf in dieser coolen Stadt sein“. Viel
mitgenommen hat der gebürtige Schanzer nicht aus seiner ehemaligen Wohnung überm
„Mo“, gleich nach dem Kreuztor. Ein paar Klamotten, ein paar Brillen, drei,
vier Ringe und einige Mützen. Und seine absoluten Lieblingsscheiben (siehe
unten), die er für seinen psychischen Ausgleich einfach braucht. „Um
ehrlich zu sein, vermisse ich Ingolstadt. Es ist eine wahnsinnig gemütliche
Stadt, nicht zu groß und nicht zu klein. Neuankömmlinge haben’s zwar schwer,
weil die Leute recht verstockt sind, aber als Einheimischer hatte ich hier noch
keinen krassen Blues“.
„Haut’s ob oder es gibt eine aufs Maul“
Noch nicht einmal zwei Jahre ist es her, als er bei ein paar Typen vorsang
und dabei ziemlich aufgeregt war. „Aber die waren alle sehr nett und nahmen
mir meine Angst, die Chemie stimmte von Anfang an.“ San2 steuerte auch den
Bandnamen bei, und Ramblin’ Five hieß die Band auch bei ihrem letzten
Auftritt, obwohl fünf Typen und eine Frau auf der Bühne standen. Sechs sehr
unterschiedliche Menschen, wie San2 meint. „Löff ist auf seine Art ein
Original, er kann irrsinnig gut mit allen Sorten von Menschen umgehen. Harry ist
der Coole, Zurückgezogene, der aber gerade dadurch seine Show macht. Jens ist
ein sympathischer Mensch, der auch auf der Bühne so wirkt, Wolfgang geht am
Schlagzeug ab wie ein Schnitzel und Judith - eine Frau macht sich einfach gut in
einer Band.“ Und er selbst natürlich, er, der zugibt, vor wichtigen
Auftritten ziemlich Schiss zu haben. Dies freilich versteht er glänzend zu überspielen.
„Wenn der Sänger einer Bluesband was verseppelt, ist die Stimmung dahin –
von mir hängt also einiges ab.“ Der allererste Auftritt im Paradox (gegenüber
vom Ingolstädter Klinikum) nach nur zwei Monaten des Probens und noch in der
Urbesetzung, war mehr ein Üben vor 80 bis 90 Leuten. Den schrägsten Gig
gab’s bei einem Countryfestival. „Wir kamen uns vor wie die Blues Brothers
– die drehten uns plötzlich den Saft ab und am Ende hieß es ‚haut’s ab
oder es gibt eine aufs Maul’, an Gage war da nicht mehr zu denken.“ Und das
Highlight? „Das war der Gig im Züricher Club „Ugly“, wo einst schon Bob
Marley spielte und die Stones kifften. Ich hab wohl allein 300 Mark an
Telefonkosten investiert, damit wir dort spielen durften. Wir mieteten uns einen
Avis-Bus übers Wochenende, und als wir dort ankamen, fühlten wir uns wie in
einem Voodoo-Schuppen in New Orleans. Der Gig ging von neun Uhr abends bis halb
drei am Morgen, fast durchgehend. Sicher nicht unser bester Auftritt, aber die
coolste Aktion!“
 Fast – zwei Anekdoten gibt er zum Besten, die waren ganz
klar eine ganze Scheibe cooler. Zum einen ein kleiner Clubgig in Nürnberg, als
ihn Wilson Picket himself auf die Bühne holte und Picket/San2 im Duett sangen.
Und zum anderen die Fliege von seinem großen Idol, von James Brown. Er hatte
sie bei einem Auftritt in München von der Bühne geworfen, und seitdem ist
dieser Schatz mit den Initialien J.B. im Besitz von San2.
„Mannish Boy passt zehnmal besser zu mir als zu einem uralten Dackel“
Den Vorwurf, dass ein junger Typ wie er den Blues doch gar nicht fühlen kann
und „Mannish Boy“ nicht singen sollte, schmettert er lächelnd ab. „Für
mich ist Blues nur der Ausdruck von Gefühlen, egal, ob sie gut oder schlecht
sind. Beim Blues muss man ja nicht permanent rumheulen, vielmehr ist Blues die
coolste, emotionalste und spontanste Art, seine Gefühle auszudrücken. Und das
hat wenig mit dem Alter zu tun.“ Auf der kürzlich erschienen Debüt-CD
„Live At Neue Welt“ kommt dieses Wechselspiel anhand von zwei Titeln gut rüber.
Da ist zum einen „Hate To See You Go“, zum anderen eben einer der
klassischen Bluessongs überhaupt, besagtes „Mannish Boy“. Der eine Song
handelt vom Blues des Lebens, der andere ist – so San2 – „eine einzige
Persiflage“. Denn Muddy Waters singt über einen 21jährigen, der so cool ist,
dass seine Alte sogar auf ihn wartet, wenn er zwei Stunden zu spät zum Date
erscheint, dass er mit einer Frau Liebe in weniger als fünf Minuten machen
kann. „Und deshalb passt dieser Song zehnmal besser zu mir, der ich ja sogar
21 bin, als zu einem uralten Dackel“, meint er lachend.
Zwischen den Gleisen
Im Gegensatz zu einem uralten Dackel, der den Großteil des Weges schon
gegangen ist, steht San2 erst am Anfang. Am Anfang wovon? „Das weiß ich noch
nicht. Ich lass beides – die Musik und irgendein Studium – parallel laufen,
und ich lauf in der Mitte. Irgendwann springe ich dann auf einen der beiden Züge
auf.“ Da sollte er aber sein altes Phlegma vielleicht doch mal überwinden,
denn in seinen Pflichten ist er nach eigenem Bekunden eine „superfaule Sau“,
in allem anderen jedoch ein absoluter Workaholic. Fragt sich nur, was eigentlich
wichtiger ist. Wie sieht er denn aus, sein Lebenstraum? „Ganz einfach: Dass
ich irgendwann mal gut von der Musik leben kann, dass ich 200 Auftritte pro Jahr
mit einer echt guten Band auf einer Schiene habe, die mir zusagt, mit einem
Publikum, das zwischen dem in der Neuen Welt und dem der Fronte anzusiedeln
ist.“
Seine Lieblingsalben:
Junior Wells & Buddy Guy Play The Blues
„Absolutes Dynamit“
James Brown Live in New York
„Wahnsinn“
Ray Charles instrumental
“So stell ich mir Jazz vor”
Wilson Picket
„Einer der ganz Großen, gerade als Sänger“
-
Instrumentalplatten von James Brown
-
Aretha Franklin
Text u. Fotos: Uwe Ziegler
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