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„Auf das Innere kommt es nicht an"
Mary Harron inszeniert Bret Easton Ellis' Kultbuch "American Psycho"
Es beginnt mit einem Diner in einem New Yorker Edel-Restaurant. Wir
befinden uns im Upper-Class New York der ausgehenden 1980er. Patrick
Bateman (Christian Bale) speist mit seiner Verlobten und ein paar
Freunden. Aber das ist nur der Vorspann.
Der Film beginnt eigentlich
erst später: Bateman duscht, erzählt von den 1000 Sit-Ups, die er
allmorgendlich macht, von seinen Duschgels und Peeling-Lotionen und von
seiner Kräuter-Maske, mit der er die Haut seines Gesichts jung hält.
Er ist Mitte dreißig. Er kleidet sich in einen Nadelstreifenanzug von
Nino Cerutti und begibt sich zur Arbeit. Sein Arbeitstag gestaltet sich
entspannend bis eintönig: Als Junior-Chef eines Finanzhauses, das sein
Vater aufgebaut hat, verbringt er – Musik hörend – die Zeit damit,
die Termine für die Mittag- und Abendessen zu koordinieren, und bei
diesen über Nebensächlichkeiten zu palavern.
Aber Bateman hat auch
eine andere Seite: Nachts wird er zum Serienmörder, scheinbar grundlos.
Zuerst tötet er einen Obdachlosen, weil er keine Arbeit besitzt. Nichts
passiert.
Aber seine Mordlost bleibt nicht wahllos: Nachts tötet er
die, die ihm – dem Perfekten, Reichen, Makellosen – tagsüber die
Schau stehlen, ihm seine scheinbare Minderwertigkeit vor Augen geführt
haben. Er erträgt es nicht, dass sein Arbeitskollege die eleganteren
Visitenkarten und das schönere, teurere Appartement besitzt. Also muss
er sterben, zweigeteilt durch eine Axt. In den nächsten Tagen erscheint
Detective Donald Kimball (Willem Dafoe) mehrfach in Batemans Büro, um
das Verschwinden des Kollegen zu untersuchen; aber es gibt keine Leiche,
kein Motiv, nur Alibis. Also kommt Bateman wieder durch.
Jetzt richtet
sich sein besonderer Hass gegen Frauen, gegen diejenigen, die er nicht
beeindrucken kann. Er, der so hervorragend im Bett ist. Er ermordet ein
Model, das wohl den teuren Wein nicht zu schätzen wusste. Wieder, ohne
dass es irgendjemand aufgefallen wäre.
„Die Maske meiner Zurechnungsfähigkeit droht
herunterzurutschen"
Allmählich werden seine Morde wahlloser, nicht mehr von einem Plan
bestimmt, sondern nur noch von der schieren Notwendigkeit, Zeugen aus
dem Weg zu schaffen. Er tötet eine Prostituierte im Treppenhaus seines
Hotels mit einer röhrenden Kettensäge. Sie hatte daneben gelegen, als
er beim Sex eine alte Freundin mit einem Pressluft-Tacker ermordete.
Niemand kann ihn aufhalten, nicht Detective Kimball, auch nicht die
Streifenpolizisten, die ihn verfolgen, weil er eine alte Frau auf
offener Straße erschossen hat. Die Realität beginnt ihm zu entgleiten,
er schluckt Pillen, schießt um sich. Und niemand hält ihn auf.
Der Film endet, wo er begonnen hatte, in einem Nobel-Restaurant. Bateman
hat alles zerstört, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. „Es
gibt keine Grenzen mehr zu überschreiten", meint er resignierend
am Schluss. Die Oberflächlichkeit, die ja gerade der Auslöser seiner
Rage war, hatte gesiegt. Über ihn und über die Gesellschaft, die noch
gar nicht bemerkt hatte, dass sie nur noch aus zahllosen Fassaden
besteht, hinter denen sich kein Inhalt, kein Leben verbirgt. So wird er
zum (Anti-)Helden, denn er löst sich von der Oberflächlichkeit. Die
Gesichtsmaske, die er sich anfangs herabreißt, wird zur Allegorie der
gesamten Handlung. Tagsüber angelegt, versteckt sie die rauen,
wirklichen Seiten des Lebens, bildet das schöne, glatte Image; Bateman
ist der Einzige, der sich davon lösen kann.
Mary Harron und Ko-Autorin Guinevere Turner haben Bret Easton Ellis'
Roman nicht Stück für Stück umgesetzt, sondern ausgewählt, welche
Elemente auch heute noch – zehn Jahre nach Erscheinen des Buches –
wirkungsvoll sind. Durch die Auswahl, die sicher auch vom Geschmack des
US-amerikanischen (wie des europäischen) Kinopublikums geprägt war,
verliert der Film an Schlagkraft, wirkt manchmal nur komisch, wo er
schockieren soll. Der Trend von Hollywood-Produktionen, die
amerikanischen Seele auf dem Wege ihrer Zerstörung zu suchen, ist in
letzter Zeit fast schon populär geworden: „American Psycho"
bleibt in seiner Bedeutung allerdings hinter der anarchistischen Vision
von „Fight Club" und der zynisch-satirischen Auseinandersetzung
von „American Beauty" zurück, verstört auch bei weitem nicht so
wie „Der schmale Grat". Wo das Buch noch wahre
Entrüstungsstürme auslösen konnte, bleibt in der abgeklärten
Gesellschaft des Jahres 2000 nur ein schaler Nachgeschmack.
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