
Der Autor dieser Glosse arbeitet als freier Journalist in Ingolstadt.
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Von Verlierern lernen
Die eine - Jane Secille - trainierte ihr Leben lang für den Tag X,
für das olympische Finale im 20-km-Gehen der Frauen. Ausgerechnet in
ihrer Heimatstadt wollte sie Gold für ihr Land gewinnen. Sie lag weit
vorn, war kurz vorm Stadion, kurz vor der letzten Runde, kurz davor, mit
stehenden Ovationen von den 110.000 Zuschauern im Olympiastadion in
Sydney empfangen zu werden. Da streckte ihr plötzlich jemand die Rote
Karte entgegen (1. Foto), sie war nach zwei Verwarnungen wegen Laufens
zum dritten Male verwarnt und damit ausgeschlossen worden. Aus der
Traum, alles vorbei. Erst weinte die Australierin hemmungslos (2. Foto),
dann fing sie sich (3. Foto) und meinte auf die Frage, was sie nun zu
tun gedenke: "Mich erschießen". Das faire australische
Publikum applaudierte übrigens auch der Siegerin in dieser Disziplin,
es gab keine Pfiffe.
Der andere, wiederum ein Geher, erreichte das Ziel eine gute Stunde nach
dem Vorletzten (4. Foto), riss die Arme in die Höhe und wurde gefeiert
wie der Messias (5. Foto). Eric "the Eel" (der Aal)
Moussambani wiederum (6. Foto), ein Schwimmer aus Äquatorial-Guinea,
war erstmals in seinem Leben die 100 Meter Freistil geschwommen und
erreichte das Ziel mehr als eine Minute nach dem inzwischen wohl bereits
geduschten und gefönten Sieger in der Manier eines Welpen, der erstmals
ins Wasser geschmissen wird und verzweifelt um die nächste Dose Chappi
paddelt. Platz 71, doch das war scheißegal. Er freute sich, überlebt
zu haben, wurde vom tollen australischen Publikum frenetisch gefeiert
und erhielt tags darauf sogar einen Ausrüstervertrag von Nike.
Übrigens - seine Zeit (1.52,72 min) hätte nicht zum Deutschen
Sportabzeichen (1.50 min) gereicht.
Und wir, wir Deutsche? Wir schielten jeden der vergangenen 16
Olympia-Tage auf den Medaillenspiegel, schimpften auf die Schwimmer,
lachten über die Leichtathleten, zitterten mit den Handballern.
Erstmals seit den Spielen 1972 in München, so stand zu lesen, sei
Deutschland (vor der Wende werden BRD und DDR gemeinsam gewertet, als
hätt's die Mauer nie gegeben) nicht mehr in den Top-3 der
Nationenwertung (Platz 5). Dass keiner der Schwimmer ertrunken war, dass
sich die Sportschützen nicht gegenseitig in die ewigen Jagdgründe
geschickt hatten, dass die Turmspringer stets das Wasser trafen, wurde
indes mit keiner Silbe erwähnt. Undankbares Volk.
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