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Alles nur geklaut
Der Streit geht weiter. Nachdem Napster das Wehklagen der angeschlagenen
Musikindustrie in den ersten beiden Gerichtsverhandlungen abwehren konnte und
die Zukunft des knapp 1,6 Megabyte großen Programms ungewiss ist,
saugen die Musikfreaks, was das Zeug hält. Folge: napster.com ist die am
schnellsten wachsende Domain in der Geschichte des Internet, Konkurrent
Gnutella ist dem Ansturm fast nicht mehr gewachsen und droht zu kollabieren. Und
während die einen schnell noch den einen oder anderen lange gesuchten Song aus
dem Netz ziehen, entwickeln andere schon den Nachfolger von MP3.
 Shawn
Fanning, der 19jährige Kalifornier mit dem kahlgeschorenen Schädel, hat Napster Ende 1999 aus purem Eigennutz
kreiert. Seine Kumpels wandten sich an den Netz-Crack, weil sie das ewige Suchen
nach MP3-Files im Internet leid waren. MP3 ist eine Datenkomprimierung, die vom
Münchner Fraunhofer-Institut entwickelt wurde und die eine Musikdatei um das
etwa Zwölffache verkleinert, indem sie für das Ohr nicht wahrnehmbare
Tonsignale rausfiltert. Frisst ein Sechs-Minuten-Song üblicher Weise ca. 60 MB,
so sind es dank MP3-Technik nur noch lächerliche fünf MB. Also schrieb der damals noch
an der Bostoner Northeastern University eingeschriebene Student ein Programm,
fand eine Risikokapitalfirma, die 15 Millionen Dollar vorstreckte und wird
dafür von schätzungsweise 25 Millionen Napster-Usern verehrt.
Richtungsweisende Grundsatzentscheidung
Mit
Napster kann jeder Internet-User Musikdateien seiner eigenen CD-Sammlung anderen
Usern zur Verfügung stellen, die ebenfalls Napster auf ihrem Rechner
installiert haben. Ich geb dir eine U2-Aufnahme live in Mexiko und hol mir
dafür eine seltene Stones-Akustikversion von deinem Rechner. Ein faires Geben
und Nehmen, wie es scheint, zumal gerade rare und alte Songs in den
Plattenläden ohnehin nicht mehr zu bekommen sind. Napster nennt das eine
"Möglichkeit zum Tausch von Musik", und dieser Tausch sei nicht
strafbar. Was der gemeine User mit dem Zeugs macht, das kann Napster ja nicht
kontrollieren. Die Musikindustrie freilich sieht das ganz anders, spricht von
strafbarer Urheberrechtsverletzung, der (etwas alberne) Slogan "Copy kills music"
macht die Runde. 127,7 Millionen CD-Rohlinge wurden 1999 abgesetzt, und auf etwa
die Hälfte davon wurde Musik gebrannt. Auf jede dritte CD kommt eine
selbstgebrannte. Das soll nicht so weitergehen, und so blicken nicht nur die 35 Napster-Angestellte, sondern
auch Musikfreaks rund um den Globus der nächsten Gerichtsverhandlung Napster
vs. Musikindustrie besorgt entgegen. Vom Urteil der US-Justiz hängt nämlich nicht nur ab, ob der kalifornische
Teenager und Napster-Programmierer dank
Börsengang in Kürze zigmillionenschwer sein wird oder ob ihm eine Klage der Gegenpartei in
ähnlicher Höhe das Genick bricht. Vielmehr handelt es sich um eine
richtungsweisende Grundsatzentscheidung, die am Ende nur zwei Folgen haben kann:
Behalten die Musik-Multis die Oberhand, bleiben die CDs so teuer, wie sie momentan
sind, haben die Napster-Juristen die besseren Trümpfe, muss sich die
Plattenindustrie was einfallen lassen. Fest steht schon jetzt, dass der Musikklau
weitergehen wird, ob
nun bei Napster oder anderswo, ob via MP3 oder eben via Ogg
Vorbis.
Das Tonbandgerät war der MP3-Vorgänger
Die Diskussion um kopierte Songs geht zurück bis ins Jahr 1964, also bis
weit vors Internet-Zeitalter. Seinerzeit gab es in Deutschland den Versuch, die
Verbreitung von Tonbandgeräten zu stoppen, da dadurch dem unerlaubten Kopieren
urheberrechtlich geschützter Werke Vorschub geleistet wurde. Ich kann mich
erinnern, wie ich mich in meiner Kindheit aufgeregt habe, wenn blöde
Radiomoderatoren so lange in den Beginn eines Songs gequatscht hatten, dass man
die gerade gemachte Aufnahme gleich wieder vergessen konnte. Es gab das
Wunschkonzert auf Bayern 1, jeden Freitag Abend, abwechselnd von Ruth
Kappelsberger und Klaus Havenstein moderiert. Da bettelten die Anrufer häufig,
der Moderator möge doch nach dem Telefonat noch ein paar Sekunden warten, damit
man das Lied mitschneiden könne. Legal war dies seit 1965, weil man eh nichts
dagegen tun konnte. Die Hersteller von Tonbandgeräten mussten für jedes
verkaufte Gerät eine Urheberabgabe bezahlen, und seit 1985 besteht die
Verpflichtung, dass auch auf Leerkassetten und Rohlinge (Audio und Video) eine Abgabe zu
bezahlen ist, die einfach auf den Verkaufspreis drauf geschlagen wird. Mitgeschnitten
wurde erst auf riesige Tonbänder, dann
auf Cassetten, später auf CD-Rohlinge und jetzt holt man sich das Zeug halt aus
dem Netz. Und genau das ist der springende Punkt, denn waren es bis vor Jahren
ein paar Hundertausend Radiohörer, die Songs mitschnitten, sind die Raubritter
jetzt quer über den ganzen Globus verstreut. Madonnas "Music" etwa
war auf Napster schon Wochen, bevor die Maxi-CD in den Läden stand, ein
absoluter Knüller. Und wenn das Teil dann auf legalem Wege zu erwerben ist,
ist's für MP3-Nutzer fast schon wieder ein Oldie. So ist das eben im
Internet-Zeitalter.
Wenn der Postmann dreimal klingelt
Wie steht es nun mit der Rechtslage? Muss man als MP3-Nutzer fürchten, dass
es plötzlich dreimal klingelt, GEZ-ähnliche Gestalten an der Haustür stehen,
flankiert von Zivilpolizisten, schwer bewaffnet und zu allem bereit? Gibt's nach
den '84er Orwellschen Visionen nun die 2000er Napster-Visionen? Hoffentlich nur
ein Gedankenspiel. Fest steht jedoch, dass sich derjenige, der Musikstücke zu
privaten Zwecken auf seine Festplatte oder auf einen Rohling kopiert, nach § 106
des UrhG (Urheberrechtsgesetz) strafbar macht. Wer damit auch noch handelt, muss
mit richtig fetten Strafen rechnen (§ 108 a UrhG). Allerdings: Voraussetzung
einer Strafbarkeit ist der Vorsatz. Und woher soll der User wissen, dass die
Internet-Seite, von der er einen Song gezogen hat, illegal ist.
Der eine macht die dicke Marie, der andere bekommt den Zukunftspreis
 Zwei Aspekte gilt es noch anzusprechen. Sollte Napster den Prozess doch
gewinnen und unser kalifornischer Freund selbst zum Multi avancieren, muss sich
dann der eigentliche Erfinder des MP3-Verfahrens, Dr. Karlheinz Brandenburg (46) vom
Fraunhofer-Institut in Ilmenau (Thüringen), nicht vor Wut in den Allerwertesten
beißen? Er, der zusammen mit seinem Team mit Suzanne Vegas "Tom's Diner" seine allerersten
MP3-Versuche startete, bezieht ein relativ karges Forschergehalt, während sich
andere dumm und dusselig verdienen. Schön, der amerikanische Rolling Stone hat
ihn porträtiert, schön, er erhielt in San Francisco die Silver
Medal der Audio Engineering Society, schön, er wurde für den mit 500.000
Mark dotierten Deutschen Zukunftspreis (wird am
19.
Oktober auf der EXPO in
Hannover verliehen, das ZDF strahlt am 20. Oktober um 22.20 Uhr eine
Sondersendung dazu aus) vom Bundespräsidenten nominiert (hier alle Nominierungen). Aber ist das alles? Im Focus-Interview vom letzten Montag meinte er, Geld sei nicht alles und dass bei
den Dotcoms ja oft nur Papiergeld verschoben würde wie bei Monopoly. Anderswo
aber war zu lesen, dass das Fraunhofer-Institut in Kürze ein Prozent pro Kopie
für alle heruntergeladenen oder gestreamten MP3s will. Fragt sich, wem sie
erstens ein Prozent berechnen wollen und zweitens, wie sich das überhaupt
berechnen lässt. Der zweite Aspekt: Die MP3-Nachfolger steht schon in den Startlöchern.
Da ist zum einen Ogg Vorbis (der Begriff entstammt einem Charakter des Romans
"Small gods" von Terry Pratchett) von Christopher Montgomery. Die
Komprimierung ist noch besser, der Sound angeblich noch klarer (Dolby Surround
soll möglich werden), was aber erst noch bewiesen werden muss, außerdem
handelt es sich um ein Open-Source-Projekt. Und zum anderen sind die
Fraunhofer-Köpfe auch noch lange nicht auf dem Zenith angelangt, MP3 ist ja
kein fixes Format, sondern wird laufend weiter entwickelt. Zusammen mit einer
großen Arbeitsgruppe entwickelt Karlheinz Brandenburg momentan das
"Advanced Audio Coding"-Format. Im Gegensatz zu MP3 kann die
Datenmenge nochmal um die Hälfte gedrückt werden, und in Japan ist AAC schon
jetzt Standard für Hörfunk und Fernsehen. Microsoft und Konsorten hatten das
Nachsehen.
Die Technik siegt
In einigen Jahren, soviel dürfte jetzt schon feststehen, werden die
Menschen über den Rechtsstreit Musikindustrie vs. Napster genauso lächeln wie
wir heute schon über die Tonband-Affäre 1965. Die Technik wird sich
durchsetzen, Kompromisse müssen gefunden werden und die Multis müssen sich was
einfallen lassen und sind damit auch endlich mal gefordert. Und am Ende ist der
Musik-Fan der stille Sieger.
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