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  Ausgabe 6 : Titel

  
 
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Fromme Wünsche oder konkrete Denkanstöße? 

"Gebt's ihnen einen Ball, dann spuin's schon". Soweit Franz Beckenbauer beim Tag der Visionen über die etwas laxe Haltung der jungen Generation. Und so ähnlich dachten vielleicht auch die Initiatoren dieses Tages für die Bürger - gebt ihnen ein Forum für ihre Ideen, vielleicht wird was draus.  

Plakat Tag der Visionen Der Tag der Visionen im Stadttheater begann schleppend. Als ich kurz nach 10 Uhr in die Tiefgarage fuhr, hatte ich den Eindruck, es ist noch niemand da. Also raus aus dem Auto und ab ins Theater. Auf dem Vorplatz stand der Riesen-Truck vom MediaMarkt und das Spielmobil. Direkt vor dem Eingang hatte Carsharing ein Auto stehen, zwei Oldtimer (ein RO 80 und ein Mercedes 300 SL) warben für das Museum der konkreten Kunst. Also erst mal rein ins Theater, denn die Temperaturen waren doch empfindlich kühl an diesem Sonntagmorgen. Es waren noch nicht viele Menschen anwesend. So konnte ich in aller Ruhe von Stand zu Stand schlendern und die Plakate studieren. Dabei fiel mir auf, dass es nirgendwo eine Vision gab. Es wurden lediglich die Ist-Zustände dargestellt. Schade. Die Schienenbahn ist ja in diesem Sinne auch nichts Neues, da es sie in einigen Städten bereits gibt. 

Mit schlechtem Beispiel voran, und jeder gibt den Schwarzen Peter weiter

Interessant war vor allem die voraussichtliche Einwohnerentwicklung der Stadt. Demnach werden es in den nächsten 30 Jahren etwa 10.000 Menschen mehr sein. Im günstigsten Fall. Am Stand der Pressestelle habe ich mir die "Visionen für Ingolstadt" geholt. Zu meinem Leidwesen auf Glanzpapier gedruckt, mit einer Plastikoberseite versehen und mit Metall zusammengehalten. Also ganz im Sinne des Umweltschutzes. Diese Broschüre kann ich später noch nicht einmal im Papiermüll entsorgen. Eher eine negative Vision... Auf Nachfragen beim Umweltamt wurde mir geraten, diesbezüglich Herrn Dr. Treffer vom Presseamt zu befragen. Der erklärte mir, die Broschüre wäre alleiniges Werk von Herrn Dr. Richler. Also auf, Dr. Richler suchen. Auf meine Frage erklärte er mir, erst wären die Informationen auf normalem Papier gedruckt worden, aber der Stadtrat hätte dann entschieden, Glanzpapier zu nehmen. Außerdem wäre die Herstellungsart nicht umweltschädlicher als anderes Papier. Zufällig lief mir kurz nach diesem Gespräch Herr Thöne über den Weg. Er sagte, ihm wäre nicht bekannt, dass der Stadtrat über die Broschüre bzw. in Sachen Gestaltung gefragt worden wäre. Wem oder was soll ich jetzt glauben?

T-Shirt und Kuli ja, Textmaterial zur Agenda 21 nein

Das Programm des Tages war dicht gedrängt. Neben den Podiumsdiskussionen im Festsaal wurden auch Workshops zu verschiedenen Bereichen und ein vielfältiges Rahmenprogramm geboten. Leider waren die Termine dicht gedrängt. Am besten war's, sich vorher einen Themenschwerpunkt auszusuchen, um von den anderen Angeboten auch noch Gebrauch machen zu können. Diverse Umfragen zu den Themen Stadtbücherei im Herzogskasten oder zur Situation der Jugend, um nur Beispiele zu nennen, wurden durchgeführt, und bei den meisten Umfragen gab's sogar etwas zu gewinnen: Die Stadt Ingolstadt verschenkte T-Shirts zum Tag der Visionen sowie einen Kugelschreiber. Wer Informationen zur Agenda 21 haben wollte, wurde enttäuscht. Es existiert kein Schriftstück, in dem die Fortschritte der einzelnen Arbeitskreise dokumentiert sind. Dies ist in meinen Augen ein Manko. Die einzige Möglichkeit zur Information bestand darin, die verschiedenen Arbeitsgruppen aufzusuchen. Störend empfand ich das Interview, das der Bayerische Rundfunk mit Herrn Beckenbauer führte. Da es um Visionen für Ingolstadt ging, war das Thema Daum und Nationalmannschaft fehl am Platze. Hauptanziehungspunkt für die Kinder war der Workshop "Kinder gestalten unsere Umwelt" mit Christoph von der Sendung mit der Maus. Zwischen 11 und 13 Uhr befanden sich deshalb viele Familien mit Kindern im Theater. 

Lieblingsvision Multiplex-Kino 

Gespräche mit Bürgern ergaben aber den Trend, dass man sich von der Veranstaltung mehr erwartet hätte. Alles in allem ist es für den Bürger sehr ungewohnt, seine eigenen Vorstellungen einzubringen. Vielleicht sollte die Stadtverwaltung eine ständige Ansprechstelle für Wünsche der Bürger einrichten. Zu meinem Bedauern waren sehr wenige junge Menschen auf dem "Tag der Visionen". Gerade die Generation, die etwas für ihre Zukunft bewegen sollte, zeigte kein Interesse. Vielleicht liegt es an dem allgemeinen Misstrauen der Politik gegenüber. Vergeblich suchte ich nach den Beiträgen von der "Tag der Visionen"-Homepage. Es wurde auf dieser Seite angekündigt, dass diese Beiträge ausgestellt und diskutiert werden sollten. Aber weder in einer Podiumsdiskussion noch in einem Workshop habe ich einen der Vorschläge gesehen. Auf Nachfrage am Stand der Pressestelle konnte mir keiner der Mitarbeiter sagen, ob bzw. wo diese Nachrichten der Bürger sein könnten. Dafür wurde mir bestätigt, dass auf fast jeder der abgegebenen Visionskarten ein Multiplex-Kino gewünscht wurde. Sämtliche Stadtbedienstete, Stadträte und andere Verantwortliche standen für Fragen gerne und geduldig zur Verfügung. Als ich kurz nach 15 Uhr den Heimweg antrat, füllte sich das Stadttheater zusehends. Das Formel 1-Rennen, in den Vormittagsstunden Kontrastprogramm vor allem für die männlichen Interessierten, war vorüber. Apropos Fernsehen - eine Vision wird sich schon in etwa drei Jahren erfüllen:  INTV wird dann etwa eine halbe Stunde täglich über den Satelliten zu empfangen sein. 

Illustre Kultur-Runde

Im Laufe des Nachmittags war das Stadttheater dann gut gefüllt. Dixiemusik schallte durchs Haus, engagierte Redner erklärten an den Ständen von Bürgerinitiativen und Vereinigungen ihre Visionen von einer umweltgerechten Stadt, in der's sich gut miteinander leben läßt. Das Augenmerk lag am Nachmittag auf der Podiumsdiskussion zum Thema "Kultur", die im Festsaal stattfand. Das Podium, sprich die Bühne, war auch nach der Absage Gérard Mortiers hochkarätig besetzt: Dr. Elisabeth Schweeger (Chefdramaturgin des Bayerischen Staatsschauspiels und künstlerische Leiterin des Marstalltheaters), Prof. Hermann Glaser (Kulturphilosoph und bis 1990 Kulturdezernent in Nürnberg) sowie Wolfang Krempel, Indendant des Ingolstädter Stadttheaters, in einem Gespräch, das von Gabriel Engert, Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, moderiert wurde. 

Viel Theater

Leicht war der Einstieg ins Thema für die Zuhörer und wohl auch für die Akteure auf dem Podium nicht, denn etwas zäh gerieten die Darstellungen der einzelnen Teilnehmer zu Beginn. So war es nicht verwunderlich, dass die Beiträge über einen längeren Zeitraum arg allgemein ums Thema Kultur kreisten. Durch die berufliche Verbandelung der Diskutierenden geriet man recht schnell in das kulturelle Spezialgebiet des Theaters, das sich zwar als Thema anbot, vielleicht auch stellvertretend für andere Sparten. Doch Kultur in Ingolstadt ist vielfältiger als es die Diskussion, die keine war, scheinen ließ, und so kam erst dann Leben in den zu einem Drittel besetzten Festsaal, als sich der erste Zuhörer ans bereit gestellte Mikrofon wagte. Auch wenn nur Zeit für drei Wortmeldungen aus dem Publikum war, wurde eines deutlich: dass Kultur in Ingolstadt durchaus einen hohen Stellenwert besitzt und zum Nachdenken anregt. Nachdenken vor allem auch über seine Zukunft. So kamen unter anderen die Vorschläge, das Theater verstärkt für junge Leute attraktiver zu gestalten oder Stücke wie "Nathan der Weise" durch die Volkshochschule im Vorfeld dem Publikum näher zu bringen. Und siehe da, nach den Beiträgen aus den Weiten des Saals gab es tatsächlich auch auf der Bühne verschiedene Ansichten. Doch leider war dann die Zeit schon wieder um. Vielleicht hätte Mortier das Gespräch thematisch vielfältiger gestalten können, wenngleich Wolfgang Krempel mehr als nur "Ersatz" war und das nötige Lokalkolorit in die Runde einbrachte. 

Bleibt es bei den Visionen?

Die Veranstaltung ging dem Ende zu, noch immer tummelten sich unzählige Menschen im Foyer des Theaters. Was die Veranstaltung der Stadt und ihren Bürgern nun tatsächlich bringt, bleibt abzuwarten. Ob die Visionen, die auf "Comment Cards" von jedermann eingereicht werden konnten, veröffentlicht werden, bleibt ebenfalls abzuwarten. Viele Vorschläge werden Visionen bleiben, weil sie finanziell oder technisch nicht realisierbar sind. Manch einer wird sich auch einfach einen Spaß daraus gemacht haben, Phantasien zu beschreiben, die von Haus aus Phantasien bleiben müssen. Doch viel wichtiger dürfte sein, dass sich die Interessierten getroffen und unterhalten haben, ihre Ideen austauschen konnten und am Ende das Gefühl hatten, nicht allein mit ihren Visionen über die Zukunft dieser Stadt dazustehen.


Autoren:
Eva Schade und Thomas Uhle  
[23. Oktober 2000]

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