Johnny Cash
"American III: Solitary Man"
(American/Columbia)
Alkohol und Drogen, zuletzt eine fast unbesiegbare Krankheit - Johnny Cash
hat zumindest diese Dämonen besiegt. Nicht nur deshalb kann er erhobenen
Hauptes um sich blicken. Er kann es sich auch auf die Fahnen schreiben, mit 68
Jahren ein Publikum zu interessieren, das aus seinen Enkeln bestehen könnte.
Nein, die lauen Alben, die er in den Achtzigern einspielte, kann Cash nicht
ungeschehen machen. Aber so schlimm waren sie dann auch wieder nicht. Auffällig
wurde das auch nur, weil Produzent Rick Rubin sich seiner annahm, der bis dahin
eher die Beastie Boys produzierte. Nicht eben die typische Wahl eines Gottes der
Countrymusik. Doch das Experiment funktionierte, und ist mittlerweile zu einer
Trilogie angewachsen. Handelte es auf "American Recordings" (1994) und
"Unchained" (1997) um kultige Scheiben, so waren sie doch nur das
Vorspiel zu "Solitary Man". Cash leidet am Shy-Drager-Syndrom, das der
Parkinsonschen Krankheit ähnelt. Er muß lange Kämpfe ausgefochten haben,
vielleicht sogar mit Gevatter Tod. Am Ende hat er wohl sogar dem Respekt
abgerungen, denn sein neues Album klingt kraftvoll und trotzig, auch wenn man
ihm seine körperliche Schwäche anmerkt. Die Stimme ist brüchiger geworden,
doch wenn er ansetzt, um U2s "One" zur Wanderklampfe zu singen, dann
sind Zweifel völlig überflüssig.
Die Songauswahl ist, wie auch auf den letzten Alben, ungwöhnlich: Nick Cave,
Tom Petty, Merle Haggard und eben U2 tauchen in den Credits auf. Instrumentiert
ist das Album sparsam, ohne den Rocksound von "Unchained". Das läßt
das ganze nur noch intensiver erscheinen, der typisch Rubinsche Sound tut sein
übriges.
Johnny Cash ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Und "Solitary Man"
ist dazu das passende Album.
Thomas Uhle
[30. Oktober 2000]
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