Home

  Ausgabe 7 : Glosse

  
 

Thomas Uhle

Der Autor dieser Glosse ist seit vielen Jahren eifriger Theaterbesucher.

Harry Potter und der Ladenschluss

Wer erinnert sich nicht schaudernd an die Zeiten, als man abends im Kino einen guten Film gesehen hatte und am nächsten Tag die Buchhandlung stürmte, auf der Suche nach der Romanvorlage. Das waren die Zeiten, als es zuerst das Buch, dann den Film gab. Heute ist das umgekehrt. Aber dafür gibt's wenigstens fast immer das Buch, wenn man danach sucht.

Eine feine Sache ist das auch, wenn im Foyer des Stadttheaters vor und nach den Aufführungen und während der Pausen die Bücher zum Stück, Bücher über das Stück und vielleicht Videos mit Verfilmungen des Stücks angeboten werden. In den letzten Jahren gab es dann allabendlich sogar die gedruckten Seiten zu den Stücken der gesamten Spielzeit. Ob die Buchverkäufer damit viel Umsatz gemacht hatten, weiß ich nicht.

Scheinbar nicht, denn als ich neulich im Theater war, stand ich oben auf der Galerie, mein von der Dramatik des Stücks schwirrender Kopf saß lose auf dem Hals, der Blick schweifte nach unten und was sah ich da? Den Stand des Buchverkäufers, der wiederum für eine große Ingolstädter Buchhandlung (es gibt ja eh nur zwei) tätig ist. Und plötzlich fuhr mir der Schreck in die Glieder. Wollte mich mein geliebtes Theater in dieser Saison vergraulen? Soll demnächst eine andere Zielgruppe ins Theater gelockt werden, nach markttechnischen Analysen ausgewählt? Was dort auf dem Tisch lag, trieb mir besinnungslosen Schmerz in die Hirnhälften. Lagen doch tatsächlich Titel von Rosamunde Pilcher und Hera Lind ausgebreitet da, neben dem neuesten Band um den Zauberwicht Harry Potter. Konnte das sein? Hatte ich im Spielplan etwas wichtiges übersehen, bevor ich mein Abo verlängert hatte?

Soll ich nun fortan für den Rest der Saison mit Leuten ins Theater gehen, die Hera Lind gut finden? Sich die Pilcher-Bücher reinziehen und womöglich in der Theaterpause laut darüber diskutieren, ob sie bei ihrem letzten Cornwall-Trip an den original Schauplätzen waren? Um Himmels Willen, das muss ich nicht haben.

Oder will da ein mehr oder weniger geschickter Buchhändler nur die Ladenschlusszeiten umgehen? Denn seltsamerweise steht neben dem Büchertisch auch noch ein Regal mit Postkarten. Jaaaha. Ich hab zwar noch niemals eine Karte während der Pause geschrieben, was sollte ich da auch schreiben. Vielleicht sollte ich das mal machen. "Hallo, viele Grüße aus dem Stadttheater..."



[30. Oktober 2000]