Harry Potter und der Ladenschluss
Wer erinnert sich nicht schaudernd an die Zeiten, als man abends im Kino
einen guten Film gesehen hatte und am nächsten Tag die Buchhandlung stürmte,
auf der Suche nach der Romanvorlage. Das waren die Zeiten, als es zuerst das
Buch, dann den Film gab. Heute ist das umgekehrt. Aber dafür gibt's wenigstens
fast immer das Buch, wenn man danach sucht.
Eine feine Sache ist das auch, wenn im Foyer des Stadttheaters vor und nach
den Aufführungen und während der Pausen die Bücher zum Stück, Bücher über
das Stück und vielleicht Videos mit Verfilmungen des Stücks angeboten werden.
In den letzten Jahren gab es dann allabendlich sogar die gedruckten Seiten zu
den Stücken der gesamten Spielzeit. Ob die Buchverkäufer damit viel Umsatz
gemacht hatten, weiß ich nicht.
Scheinbar nicht, denn als ich neulich im Theater war, stand ich oben auf der
Galerie, mein von der Dramatik des Stücks schwirrender Kopf saß lose auf dem
Hals, der Blick schweifte nach unten und was sah ich da? Den Stand des
Buchverkäufers, der wiederum für eine große Ingolstädter Buchhandlung (es
gibt ja eh nur zwei) tätig ist. Und plötzlich fuhr mir der Schreck in die
Glieder. Wollte mich mein geliebtes Theater in dieser Saison vergraulen? Soll
demnächst eine andere Zielgruppe ins Theater gelockt werden, nach
markttechnischen Analysen ausgewählt? Was dort auf dem Tisch lag, trieb mir
besinnungslosen Schmerz in die Hirnhälften. Lagen doch tatsächlich Titel von
Rosamunde Pilcher und Hera Lind ausgebreitet da, neben dem neuesten Band um den
Zauberwicht Harry Potter. Konnte das sein? Hatte ich im Spielplan etwas
wichtiges übersehen, bevor ich mein Abo verlängert hatte?
Soll ich nun fortan für den Rest der Saison mit Leuten ins Theater gehen,
die Hera Lind gut finden? Sich die Pilcher-Bücher reinziehen und womöglich in
der Theaterpause laut darüber diskutieren, ob sie bei ihrem letzten
Cornwall-Trip an den original Schauplätzen waren? Um Himmels Willen, das muss ich nicht haben.
Oder will da ein mehr oder weniger geschickter Buchhändler nur die Ladenschlusszeiten
umgehen? Denn seltsamerweise steht neben dem Büchertisch
auch noch ein Regal mit Postkarten. Jaaaha. Ich hab zwar noch niemals eine
Karte während der Pause geschrieben, was sollte ich da auch schreiben.
Vielleicht sollte ich das mal machen. "Hallo, viele Grüße aus dem
Stadttheater..."
[30. Oktober 2000]
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