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Heiß-Kalt:
Martha Fiennes verfilmt Puschkins Versroman "Eugen
Onegin"
 Klirrend kalt ist es draußen, in der russischen Steppe. So kalt,
dass nicht nur die Kutsche im tiefverschneiten russischen Boden, sondern
auch die gesamte Handlung des Vorspanns in sich festzufrieren scheint.
Zäh geht es vorwärts; der Lebemann Onegin (gespielt von Ralph Fiennes)
hat es nicht eilig, seinen im Sterben liegenden Erbonkel noch
aufzusuchen. Die Reise ist ihm eine Last, wie ihm so ziemlich alles eine
Last ist. Das Leben mit den verkommenen Adligen in St. Petersburg
kümmert ihn wenig, gelegentlich huschen Erinnerungen an eine
"teure Geliebte" durch seinen Kopf, unwirklich und -
tatsächlich - weit entfernt.
Als er auf dem Landgut seines Onkels ankommt, ist dieser bereits
verstorben. Er hinterlässt einen Hof mit 500 Leibeigenen. Onegin kann
mit den Bediensteten nichts anfangen und so gibt er sich - zum Ärger
seiner provinziellen Nachbarn - großzügig: Er entlässt alle
Leibeigenen in die Freiheit.
Onegin denkt daran abzureisen, kann sich aber wohl nicht dazu
durchringen, wieder am gesellschaftlichen Leben in der Zarenstadt
teilzunehmen; er bleibt. Zufällig begegnet ihm die Tochter eines
Nachbarn, der der Onkel erlaubt hatte, Bücher aus seiner Bibliothek zu
entleihen. Onegin ist erstaunt über die junge Frau, die so gar nicht
gezwungen extrovertiert ist wie der übrige Provinzadel. Tatjana
verliebt sich in den rätselhaften Fremden und missdeutet das Erstaunen
Onegins als Erwiderung dieser Liebe. Hin und hergerissen zwischen der
Angst, Onegin ihre Liebe zu gestehen und dem Verlangen danach, schreibt
sie nachts einen glühenden Liebesbrief.
Onegin erhält den Brief, aber sein Inhalt erreicht den Gefühlstauben
nicht; am Rande eines Festes erklärt er Tatjana, dass sie sich nur in
jugendlicher Verrücktheit in ihn verliebt hätte. Für Tatjana bricht
ein Welt zusammen. Aber auch für Onegin verläuft die nächste Zeit
nicht sehr glücklich: Lenskij, ein Nachbar, der mit Tatjanas großer
Schwester verlobt ist, fühlt sich von dem großspurigen Fremden
provoziert. Er fordert Onegin zu einem Duell, obgleich beide im gerade
vergehenden Sommer eine gewisse Freundschaft verband.
 Onegin überlebt das Duell, ist aber so schockiert, einen Freund
getötet zu haben, dass er ohne Abschied abreist und die nächsten Jahre
in der Fremde verbringt.
Als er wieder in Petersburg erscheint, hat sich einiges geändert. Er
ist nicht mehr der angesehene Adlige, sondern nur noch ein recht
unbedeutender Gast am Zarenhof, am Hof seines Cousins. Dort am Hof
trifft er nach Jahren Tatjana wieder, sie ist inzwischen die Zarin. Die
erneute Begegnung verstört Onegin völlig, der sich auf seiner Reise
verändert hat. Plötzlich ist er es, der sich zu Tatjana hingezogen
fühlt, der nach ihrer Nähe lechzt, der keinen klaren Gedanken mehr
fassen kann. Also schreibt er einen Brief an Tatjana.
Martha Fiennes ist mit der zarten, nuancenreichen Verfilmung des
Versroman "Eugen Onegin" von Puschkin ein Meisterwerk
gelungen. Elegant unterstützt der Schnitt den Handlungsablauf, lähmt
ihn förmlich oder fasst in einer Einstellung Jahre zusammen. Nicht nur
die schwere bedrückende Stimmung des endenden Zarenreiches gibt der
Film sehr plastisch wieder. Auch die glühende, verzehrende Liebe der
Hauptdarsteller ist auf so angenehme Weise echt und unverfälscht, nicht
hollywoodtypisch platt. In ihrem Bruder Ralph Fiennes hat die
Regisseurin außerdem einen Darsteller gefunden, der in seiner Rolle
sowohl die eisige Versnobtheit wie auch das überschäumende Verlangen
glaubwürdig unterbringt. Der größte Clou des Filmes ist aber die
Besetzung der Tatjana: Die "berühmteste Träumerin der russischen
Literatur" (Die ZEIT) wird phänomenal gespielt von Liv Tyler. So
still, in sich gekehrt, bezaubernd, und ergreifend hat in den letzten
Jahren niemand auf der Leinwand gewirkt.
"Onegin" ist kein Film mehr, er ist dank eines perfekten
Zusammenspiels zwischen Regie, Kamera und Schnitt und der absolut
außergewöhnlich Darstellung von Ralph Fiennes und Liv Tyler auf
Zelluloid gebannte Poesie. Wir wollen mehr davon.
Offizielle Site
zum Film
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