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Die Jazz-Hochburg Deutschlands heißt - Ingolstadt!
Die 17. Ingolstädter Jazztage sind vorbei, und die Bilanz kann sich sehen lassen:
Zufriedene Gesichter überall, tolle, teilweise sogar begeisternde Konzerte,
wobei vor allem die famose Dee Dee Bridgewater neue, nie da gewesene Akzente
setzte, dichtes Gedränge überall (der Jazzabend in den Kneipen war fast
komplett ausverkauft) und die Gewissheit, dass Ingolstadt drauf und dran ist,
die Jazz-Hochburg Deutschlands zu werden. Ein ausführliches Interview über die
diesjährigen Jazztage mit Walter Haber (Festivalleitung) gibt's hier
zu lesen.
Dee Dee Bridgewater über allem

Fangen wir bei den Highlights an. Der Abend im Festsaal des Stadttheaters mit
Holly Cole und Dee Dee Bridgewater war ein durchgehendes Highlight. Die
Kanadierin Holly Cole, bei den Jazztagen vor vier Jahren noch mehr ein zartes
Nachtschattengewächs als die Femme fatale von diesmal, ist in ihrem Heimatland
bereits ein Superstar und auch in den Vereinigten Staaten auf dem Sprung
dorthin. In Deutschland kennen sie nur Experten, und so war es nicht
verwunderlich, dass der Festsaal mit etwa 1.000 Zuschauern zwar gut besucht,
aber doch nicht ausverkauft war (die Ränge blieben unbesetzt). Das dürfte
sich, sollte die 37-jährige wieder einmal Station in Ingolstadt machen,
ändern, denn sie wurde mit Standing Ovations gefeiert, zeigte sich zu Beginn
ihrer Deutschland-Tournee bestens gelaunt und wandelte tausend Mal gehörte
Gassenhauer wie "Tennessee Waltz" oder "Que sera" in
groovende und knisternde Gänsehautperlen um. Und legte damit die
Messlatte für Dee Dee Bridgewater (siehe Foto links) - dass sich die beide spinnefeind sind,
bewahrheitete sich nicht; zumindest von gegenseitigem Respekt kann gesprochen
werden - verdammt hoch.
Doch was dann kam, hatte es in dem Betonbunker, der nur so selten tolles Flair
aufkommen lässt, bisher kaum gegeben. Die Bridgewater ist ein Energiebündel, ein
Scat-Wunder, eine grandiose Entertainerin. Bridgewater ist Louis Armstrong
(nicht nur seine Stimme, sondern auch seine Trompete ahmte sie in verblüffender
Art und Weise nach), Bridgewater ist Ella Fitzgerald, und doch ist sie in erster
Linie sie selbst. Ein absoluter Weltstar, der aber, was manche befüchtet
hatten, nicht nur sein Programm runter nudelte, sondern - vielleicht angespornt
durch die Vorgängerin Holly Cole - zur absoluten Topform auflief und
begeisterte Zuschauer zurück ließ. Ihre Version des James Brown-Killers
"I Feel Good" durfte man getrost wörtlich nehmen. Vom Namen her nicht das ganz große
Highlight (verglichen mit Miles Davis, Ray Charles, James Brown), von der
Performance aber ein neuer Meilenstein in der Geschichte der Ingolstädter
Jazztage.
Der Pate war im Haus
Er kam tatsächlich auf
die Bühne. Damit war zu rechnen, schließlich war das vertraglich vereinbart.
Dass er dann fast zwei Stunden dort blieb, damit war nicht zu rechnen. Und mit
einer Show, die seit Jahrzehnten legendär ist und echte Las Vegas-Atmosphäre
in den Betonklotz zauberte, hatte nun wirklich niemand gerechnet.
Leicht
verspätet betrat um Viertel vor Acht die Band die Bühne. Die Band? Ach was,
ein ganzes Orchester lief auf, zusammen mit den vier Chorsängerinnen standen 18
Leute auf der Bühne. Die spielten sich erstmal warm, und zeigten, dass sie auch
gut allein könnten. Doch nach gut zehn Minuten trat er ans Mikro. Er, der jedes
Konzert von James Brown einleitet. Nein, nicht der Godfather persönlich,
sondern ein Moderator, der in echter Las Vegas-Manier jedes Highlight ansagte:
die Band, die Damen vom Chor namens "Bitter Sweets" und dann endlich
auch seinen Arbeitgeber, James Brown persönlich. Obwohl das Publikum noch
frisch war und aufrecht stand, lag es ihm doch schon jetzt zu Füßen. Ein
breites Südstaatengrinsen, zwei gekonnte Schlenker mit dem Mikrofonständer und
schon war die Soul-Legende auf der sicheren Seite.
Hits
spielten nur eine Nebenrolle, zu bestechend war das tighte Zusammenspiel der
Band. Es war faszinierend, die Musiker dabei zu beobachten, wie ihr Blick
scheinbar ständig auf den Kapellmeister James Brown gerichtet war. Der war
clever genug, auch andere ans Mikro zu lassen, so eine seiner bezaubernden
Chorfrauen, die sich mit "Stormy Monday" brausenden Beifall verdiente.
In diesen Momenten hatte Brown genug Zeit, um ordentlich durchzuschnaufen. Mit seinen
67 Jahren sind die Tanzschritte nicht langsamer, aber seltener geworden. Fürs Publikum scheint diese Inszenierung wie
eine perfekte Revue, wie direkt aus dem Spielerparadies eben.
Auffallend
war, dass sehr viele junge Leute den Weg ins Stadttheater gefunden hatten.
Sollte die Soullegende womöglich auch ihnen noch ein Begriff sein? Oft genug
jedenfalls wurde er in den letzten Jahren gesampelt und stand Pate für allerlei
kuriose Riffs und auch Nachahmer. Doch selbst die gesanglich wenig überzeugenden
Rap-Einlagen einer gelenkigen Tänzerin zeigten, wie weit Brown schon damals
seiner Zeit voraus war.
Heute
ist Brown ein paar Jahre älter und einige Erfahrungen reicher, aber er wirkt
frisch und glücklich. James Brown im Festsaal war
ein Höhepunkt nicht nur für die Jazztage, sondern für ganz Ingolstadt. Sollte
in 250 Jahren wieder ein Festzug stattfinden, darf dieses Konzert nicht unerwähnt
bleiben.
Volle Kneipen
Wie
die beiden Jazzpartys im Queens Hotel gehört auch der Jazzabend in den Kneipen
längst zum Standard der Ingolstädter Jazztage. Vertreten waren in diesem Jahr
Diagonal, Neue Welt, Daniel, Babalu, Lemon, Ölbaum und - etwas abseits bzw.
außerhalb der Innenstadt - das
Queens, wo Klaus Doldinger auftrat. Lediglich im Babalu gab's noch Tickets,
ansonsten war die Hütte überall voll. Im Daniel schaute Max Greger Senior
seinem Filius auf die Finger, in der Neuen Welt heizte Rick Vito mit seinen
Lucky Devils kräftig ein, im Diagonal bewies die Alain Caron Group, dass alle
Jazzmusiker ein Faible für lange Soli haben, im Ölbaum zupfte Park Stickney
auf seiner Harfe wie der Teufel persönlich.
Dichter ging’s nicht
Der österreichische Saxophonist Sigi Finkel ist bekannt für seine
unkonventionellen, kreativen Projekte. Am Freitag Abend hat er im Queens Hotel mit DoopTroop eine
starke Mixtur zusammengebracht: Zum einen ruhigen, warmen Soul, zum anderen
rockenden Funk. Wen wundert’s bei einer Besetzung, die diese Kontraste
erzeugt, kultiviert und präsentiert: Robert Riegler (am Sechsaiter-Bass) kommt
wie Finkel aus Österreich, Tobias Ralph (Drums) aus der Jazz-Hauptstadt New
York, der Gitarrist Kelvyn Bell aus St. Louis und der Posaunenakrobat Joseph
Bowie hat in New York schon seit Jahrzehnten Kultstatus. Gerade er machte diesen Abend spannend: Mit atemberaubender Blechakrobatik
zeigte er, dass der Weg zwischen extrem freier Improvisation und solidem Blues
nicht so weit ist, wie meistens angenommen. Unterstützt von einer kompakten
Rhythm-Section mit dichten, dynamischen Baselines, einem Drummer, der den
Offbeat mit Löffeln gefressen hat, und dem knackig funkenden Riffs von Bell,
gelang es den Bläsern immer
wieder, sogar die weitreichendsten Soli wenig abstrakt, publikumsnah
unterzubringen. Offensichtlich ein Spaß für Finkel, Bowie, und das Publikum.
Dass er zu den Allerbesten seiner Zunft gehört, bewies Mike Stern ein paar
Meter weiter im Trivasaal. Schon um 22.30 Uhr legte seine Band los, so dass
diejenigen, die vorher bei Cole und Bridgewater waren, den Anfang zwangsläufig
verpassten. Wo dort allerdings Jazz der eher sophisticated Art präsentiert
wurde, strapazierte Stern mit seinen ewig langen Soli doch zusehends die
Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Dass er die Klampfe zupfen kann, muss er
niemandem mehr beweisen, aber er scheint es nicht lassen zu können. Zu sehr
gerieten damit seine Musiker in den Hintergrund.
Jazz? Mit dem Breitschwert!
Berühmt sind sie ja schon, die vier Mannen von Karizma: David Garfield (Keys),
Vinnie Colaiuta (Drums), Neil Stubenhaus (Bass), Michael Landau (Guitars).
Schier unendlich die Liste ihre Platten. Überall haben sie schon gespielt, und
mit fast jedem, anfangen von Pink Floyd, Frank Sinatra, bis Cher und Madonna.
Dennoch sind sie vor allem als legendäre Fusion-Band der 70er Jahre bekannt.
Und eigenwillig sind sie bis heute geblieben. Der Auftritt begann mit einem
fast Trommelfell-zerfetzenden Schlag auf die Snare, gepaart mit einem wuchtigen
Bass-Grummeln. Das gesamt erste Stück verlief im Wesentlichen so, konzeptlos,
krachend, lärmend. Nach etwa drei Stücken hatte sich die Band soweit zusammen
gerauft, dass man auch mal ein ruhigeres Stück angehen konnte, aber
besondere Glanzleistungen kamen auch oder gerade bei den „Balladen“ nicht
heraus: Nichts Herausragendes, Spannendes; ziemlich kalter Kaffee. Und als ob
die Band gemerkt hätte, dass mit leisen Tönen nicht wirklich etwas zu gewinnen
ist, wurde es umgehend wieder lauter. Zwar koordinierter als zuvor, lag die
Betonung der Performance doch nach wie vor auf dem Schock-Effekt einer
Improvisation auf einer gruftigen Heavy-Unterlage. Als einer der wenigen
Glanzpunkte konnte man die exzellente Arbeit des Drummers Colaiuta, der mit
seiner ausgefallenden Arhythmik immer wieder (vor allem gegen Ende) Akzente im
sonst recht monotonen Soundbrei setzen konnte.
Gebt Blech!
Als Ersatz eingesprungen, hatte die St. Andrews Brass Band aus New Orleans gleich zu Beginn der
Jazzparty am Samstag für gute, ja exzellente Stimmung gesorgt. Von Anfang bis
Ende gaben die Musiker Dampf, vor allem die Bläser. In klassischer Marching-
Band-Formation marschierten sie ein, intonierten die Klassiker des
New-Orleans-Jazz, schwitzen, spielten, spielten lauter, sangen fast ohne Unterbrechung. Nach gut eineinhalb Stunden hatten sie trotz mancher Probleme mit
dem Instrument (das Sousaphon hielt dem Ansatz des zahnlosen Spielers kaum mehr
stand) wohl alles untergebracht, was man vom ausgelassenen Jazz das Deltas
kennen muss. Bemerkenswert vor allem die schaurig-schöne Interpretation von
Louis Armstrongs Standard „What A Wonderful World“, in der der Posaunist
wohl vom ersten Ton den Faden verloren hatte. Was kümmert’s, wenn’s Spaß
macht.
„2% Jazz, 98% Funk“
So voll war der vordere Raum des Hotel Ambassador wohl noch nie. Nicht nur die
Kellnerinnen hatten Problem, ein Bein an die Erde zu bringen, freie Plätze gab
es nicht mehr, nirgends. Und als die Band kam, tobte der Saal. Zu Recht, denn so perfekt habe ich noch nie eine Band gehört: Absolut sauber
gestimmt und hundertprozentig tight, so was gibt es bei Bläsern sehr, sehr selten. Aber
das war – natürlich – nicht alles. Maceo Parker stellte schnell klar,
worauf es ihm (und der Band) ankam: „We play FUNK“. Und das taten sie dann,
mit einer knackigen Rhythm-Section, mit drei Background Vocals, und absolut präzisen,
groovenden Tunes.
Wie üblich verstand es Parker, sich zurück zu nehmen, die anderen arbeiten zu
lassen (was heißt arbeiten: ausrasten!), und doch immer präsent zu sein. Wenn
er dann solierte, zeigte sich, wieso er als einer der besten am Alt-Sax gilt:
Besser geht es nämlich nicht, da bleibt dem Hörer wirklich die Spucke weg. Aber man sollte das nicht missverstehen, Parker geht es nicht um Virtuosität,
sondern um – richtig! – FUNK. Trotz der Perfektion (oder vielleicht gerade
wegen) stecken die Musiker so viel Energie in ihre Performance, geben alles.
Davon unberührt zu bleiben, ist unmöglich; so war es nicht verwunderlich, dass
der gesamt Saal groovte. Schließlich bot Parker ihnen auch genug Gelegenheit,
in Aktion zu treten, mitzusingen, egal ob bei „Mustang Sally“, „Call me“
oder, oder.... Da konnte auch das sonst ein wenig steife Ingolstädter Publikum
nicht widerstehen.
Was da auf der Bühne stand, war tatsächlich pures Dynamit. Die Spuren des
musikalischen Ziehvaters sind (zum Glück) immer noch deutlich.
Soulbrother Raab & James Brown im Duett
 Ein
prominenter Besucher der Jazztage war TV-Komiker Stefan Raab, ein großer
Bewunderer James Browns. Beim Auftritt der Legende saß er, wie immer mit blauer
Baseballmütze und hellblauem Hemd, im Rang rechts von der Bühne. Wer das Duett
Raab/Brown in der "TV Total"-Sendung vom 13.11. verpasst hat, kann
sich das Video auf der Website der Sendung ansehen. Es lohnt sich!

Noch ein Wort in eigener Sache: Gerne hätten wir an dieser Stelle ganz aktuelle
Fotos von den 17. Ingolstädter Jazztagen präsentiert. Leider war uns das
Fotografieren aber nicht gestattet. Im Vergleich mit einigen anderen sind wir
sicherlich noch kleine Fische und müssen uns hinten anstellen. Wir haben es uns
aber auf die Fahnen geschrieben, der Kultur in dieser Stadt einen Schub zu geben
und finden es schade, wenn an unserer Ernsthaftigkeit und unserem
Willen gezweifelt wird und Berichterstatter, die nur deshalb, weil sie bereits
länger exisiteren, den Vortritt bekommen, obwohl sie mit Kultur nichts oder nur
sehr wenig am Hut haben. Nächstes Jahr werden die Karten neu gemischt. Dafür,
dass wir bei jedem Auftritt präsent sein durften, möchten wir uns vor allem
bei Walter "Woidl" Haber von der Festivalleitung bedanken.
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