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  Ausgabe 9 : Glosse

  
 

Eva Schade

Die Autorin dieser Glosse lebt als Zugereiste in Bayern.

Über Andersdenkende

Der Stadtrat der Stadt Ingolstadt hat in seiner Sitzung vom 9. November als Unterstützung der Berliner Großdemonstration die folgende Erklärung beschlossen: “Der Stadtrat der Stadt Ingolstadt steht auf für Menschlichkeit und Toleranz. Wir stehen für ein menschliches, weltoffenes und tolerantes Deutschland, für das friedliche Zusammenleben aller Menschen in diesem Land und in unserer Stadt, ungeachtet ihrer Weltanschauung, Religion, Kultur oder Hautfarbe. Wir verurteilen Hass, Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Wir dulden keinen Antisemitismus, keine Schändung von Friedhöfen, religiösen und kulturellen Einrichtungen, keine feigen Übergriffe auf Menschen in unserem Land und in unserer Stadt. Wir stehen zusammen gegen das Wegschauen und die Gleichgültigkeit. Wir wollen ein Land und eine Stadt, in dem kein Mensch Angst haben muss vor Verfolgung und Gewalt. Wir sind nicht allein. Unsere stärksten Waffen sind Mut zur Zivilcourage und Entschlossenheit. Dabei kommt es auf uns wie auf alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und unserer Stadt an. ,Die Würde des Menschen ist unantastbar' Wir stehen zu den Grundwerten unserer Demokratie. Der 9. November als Datum deutscher Geschichte im Guten wie im Bösen verpflichtet uns alle, die Demokratie stets aufs Neue zu verteidigen. Lassen Sie uns am 9. November die Demonstranten aus allen demokratischen Lagern unterstützen, die bei der großen Demonstration in Berlin ein Zeichen setzen.”


Gedanken zu: Wir verurteilen Hass, Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Ich bin mit dem Spruch "Die Juden sind an allem schuld" aufgewachsen. Und: "Nimm dich ja vor Juden in acht." Ich habe diesen Spruch nie verstanden. Ich frage einen Menschen, den ich kennenlerne, nicht gezielt nach seinem Glauben. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als wir nach Bayern zogen. Die erste Hälfte der ersten Klasse hatte ich noch in Hessen absolviert, kurz nach dem Halbjahreszeugnis durfte ich die Volksschule in Zuchering besuchen. Ich fühlte mich ins Ausland versetzt. Alle, einschliesslich der Lehrkräfte, redeten bayerisch und ich verstand kaum ein Wort. Ich fühlte mich ins Ausland versetzt. Als ich dann in der Klasse nach dem Bekenntnis gefragt wurde und ich mit evangelisch antwortete, da wars passiert. Evangelisch zu sein, schien eine Schande zu sein. Im Laufe der Zeit kam ich darauf, dass einfach nur Unkenntnis zu dieser Ablehnung führte. Bei 9 Jahrgangsstufen gab es in der Schule lediglich 11 evangelische Kinder. Es war logisch, dass wir an einem Nachmittag zum Religionsunterricht erscheinen mussten. Dafür hatten wir freitags morgens frei, weil unsere Schulkameraden in der Kirche beichten mussten. Die anfänglichen Berührungsängste mit einer Evangelischen legten sich bald, als die anderen Kindern merkten, dass ich so war wie sie. Nach einiger Zeit gab es keine Grenzen mehr zwischen uns. Nur am Sonntagmorgen merkte man, dass ich nicht in der Kirche war. Doch diese frühen negativen Erfahrungen prägten mein weiteres Leben. Bisher bin ich auf jeden Menschen unvoreingenommen zugegangen, egal welche Hautfarbe, Religion und Staatsangehörigkeit er hat. Auch mit den oft beschimpften Zigeunern hatte ich keine Probleme. 


Wenn alle Menschen in Ingolstadt, egal ob Bayer oder nicht, endlich lernen würden, den Nachbarn einfach so zu akzeptieren, wie er ist, würde es viel weniger Neid, Hass und Gewalt geben. Sicher, auch ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch, der hier in Deutschland leben will, auch der deutschen Sprache mächtig sein soll. Das würde das Zusammenleben sehr vereinfachen. Zur Völkerverständigung tragen auch sehr viel gute nachbarschaftliche Beziehungen bei. Es sollten in Ingolstadt weniger dieser kleinen Feste veranstaltet werden, sondern auch mal multikulturelle Veranstaltungen, wo alle Volksgruppen mit Spezialitäten aus Küche, Musik und Handwerk vertreten sind. Vor vielen Jahren habe ich in einem Block im Norden Ingolstadts mit weiteren alleinerziehenden Müttern ein Nachbarschaftsfest organisiert. Es waren Deutsche, Türken, Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänen und Russen beteiligt. Es hat das Klima in dem Wohnsilo immens verbessert. Solche Feste braucht es, denn es trägt zur Freundschaft bei. Und wo Freundschaft herrscht, haben negative Einflüsse schlechtere Chancen


[13. November 2000]