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Ein großartiges Level, das nur schwer zu halten sein wird
Durchatmen ist angesagt bei den Organisatoren, bei dem 60köpfigen Team, das
hinter den 17. Ingolstädter Jazztagen stand. Walter Haber, zusammen mit Jan
Rottau Festivalleiter der Jazztage, zieht in einem Gespräch mit IN-ticker eine
positive Bilanz, und doch treibt ihn schon jetzt die Sorge, das diesjährige
hohe Level im kommenden Jahr vielleicht nicht ganz zu erreichen: "Es wird sehr, sehr schwierig
für uns, die Erwartungshaltung in Zukunft zu erfüllen." Was namhafte Künstler
von den Ingolstädter Jazztagen halten, warum James Brown leicht
zufriedenzustellen war, warum man Diven wie Van Morrison nicht mehr hinterher
rennt, warum auch Stars, die in die Jahre gekommen sind, für tolle
Abende sorgen können und vieles mehr in unserem ausführlichen Interview mit
"Woidl" Haber.

Was war Dein persönliches Highlight dieser 17. Jazztage?
Dee Dee Bridgewaters Auftritt war ein Jahrhundertkonzert und für die
Kulturgeschichte Ingolstadts prägend. Er wird eingehen in eines der
Großereignisse wie der Auftritt Al Jarreaus oder der Umzug zur 750-Jahr-Feier
vor kurzem. Gerade Bridgewater schwankt in ihren Leistungen sehr, ist entweder
sehr gut oder sehr schwach. Sie sah Holly Coles Auftritt vor ihr wohl als
Herausforderung an und hatte sich so ihre Gedanken gemacht. Schon nach wenigen Nummern
standen 30, 40 Leute auf und applaudierten, so etwas hat es in Ingolstadt noch nie
gegeben.
Vom Namen her war James Brown in diesem Jahr das Highlight. Wie war der Umgang mit
ihm?
Absolut unkompliziert, in jeder Beziehung. Er kam, wollte was von McDonald's,
was ihm sehr wichtig war, und es gab keinerlei Probleme. Stefan Raab wollte ja
ganz gerne mit ihm auf die Bühne, doch das war dann des Guten zuviel.
Wie fandest Du seinen Auftritt im Stadttheater?
Am meisten imponierte mir, dass James Brown alle seine Musiker mit Namen kannte,
was man von solch großen Cracks nicht gewöhnt ist. Ich war begeistert, dass er
wirklich sehr, sehr gute Musiker dabei hatte. Das beweist, dass er momentan auf
einem ganz anderen Trip und wirklich ernsthaft bei der Sache ist. Seine
Sängerinnen fand ich persönlich nicht so toll wie das Publikum; eine hätte man
sogar runterpfeifen müssen. Peinlich fand ich James
Browns Mundharmonika-Einlage, da wollte er einfach das Blues-Element
rausstellen. Aber selbst durch die Tatsache, dass er nur noch 50 Prozent seiner
Stimme hat, verliert dieser Mann nicht für mich. Man muss sich halt vor Augen
führen, dass er bald 70 wird, und deshalb bewerte ich die Show als Ganzes. Das
ist Las Vegas, das ist wie eine Soul-Revue aus den Sechzigern oder Siebzigern,
das ist einfach ein Spektakel. Natürlich ist da ein Riesenunterschied zu seinen
frühen Konzerten, aber man muss bei einem Künstler sehen, wie alt er ist, was
er erlebt hat und in welcher Verfassung er momentan ist. Viele haben aber
eine vorgefertigte Meinung und sind dann sehr enttäuscht, wenn dieser nicht
entsprochen wird. So war es beispielsweise auch damals bei Randy Crawford. Die
Leute waren enttäuscht, aber mir hat es gefallen, weil es eine Person in einem
kaputten und von Drogen gezeichneten Zustand zeigte, die aber trotzdem auf der
Bühne ihre Zerbrechlichkeit offenbarte.
"Generell wird man sich über den
Marketingbereich Gedanken machen müssen"
Was lief weniger gut ab in diesem Jahr?
Enttäuscht war ich von der schwachen Resonanz bei Fourplay, wo nur etwa 300
Zuhörer kamen. Die ganze Akkreditierungspolitik war nicht so einfach
durchschaubar, manches lief zu spät; generell wird man sich über den
Marketingbereich Gedanken machen müssen. Vielleicht wird hier eine feste Stelle
eingerichtet, die grundsätzlich die kulturellen Aktivitäten in Ingolstadt
vermarkten wird.
Vom logistischen Gesichtspunkt her sind die Jazztage inzwischen eine
ziemliche Mammutveranstaltung geworden...
In diesem Punkt muss man ganz gezielt und hart arbeiten. Ich habe diese Zeit
nicht, das ist schwerpunktmäßig Jans Aufgabe. Hier sollte die Arbeit auf
mehrere Schultern verteilt werden. Ich hätte Jan auch einiges abnehmen können,
wenn er es zugelassen hätte. Daran muss man arbeiten, und das sollte auch
machbar sein. Wenn wir in zwei, drei Jahren noch immer ein Problem damit haben,
dann würde etwas ganz falsch laufen.
"Wir brauchen keine neue Mehrzweckhalle, sondern
eine tolle Halle mit Platz für 700-800 Leute, eine Art Kulturzentrum mit
eigenem Geschäftsführer"
Die Highlights finden momentan noch im Festsaal des Stadttheaters statt. Was hältst Du von der angedachten neuen Ingolstädter Mehrzweckhalle, die
momentan in aller Munde ist. Würdest Du als Veranstalter das begrüßen?
Davon abgesehen, dass sich die Musiker im Festsaal des Stadttheaters sehr wohl
fühlen, weil eben keine Gerätschaften wie z. B. in einer Sporthalle
rumhängen, bin ich der Meinung, dass Ingolstadt eine Mehrzweckhalle absolut nicht
nötig hat. Sie kostet unheimlich
viel Geld, allein schon der Unterhalt Tag für Tag. Die Stadt würde da ein
Riesenzuschussgeschäft auf sich nehmen. Der Festsaal, der momentan sehr gut
ausgelastet ist, würde dann nur noch zu etwa 50 Prozent gebucht werden. Wenn
man beispielsweise die Münchner Kosten für die Hallenmiete bedenkt, ist das
der glatte Wahnsinn. Wir würden dadurch nur noch absolut kommerzielles Zeug
bekommen. Mit welchem Jazz-Act füllen wir denn eine Halle mit 3.000 Leuten? Da
kommen dann nur noch Künstler wie Sting oder Eric Clapton in Frage, und die
spielen auch in unserer Nähe. Als junger Kerl war ich auch der Meinung, ja, wir
brauchen eine große Halle. Aber mittlerweile gibt es diese Hallen rund um
Ingolstadt, in München, Nürnberg, Regensburg und Augsburg. Woher soll das
Publikum kommen, das mehr als einmal im Monat bereit ist, sehr viel Geld für
ein richtig großes Konzert auszugeben? Was wir dagegen bräuchten, ist eine
Halle mit 700-800 Leuten, die professionell ausgerüstet ist; das hätte ich
beim Tag der Visionen vorschlagen sollen. Da sind die Leute dann auch bereit, 70
oder 80 Mark zu bezahlen, denke ich. Das Ganze als Kulturzentrum mit eigenem
Geschäftsführer, wo etwa die ganze Rockschiene bedient werden kann, die uns in
Ingolstadt fehlt.
Dafür würde sich doch das Ohrakel am Hauptbahnhof eignen.
Das Ohrakel hat keine Zukunft, das wird man kaum halten können. Dort ist zwar
die Bühne sehr schön, aber ansonsten fehlt doch einiges. Ich denke eher an sowas
wie die Muffathalle in München. So etwas braucht Ingolstadt in erster
Linie.
Zurück zu den Jazztagen: Welchen Stellenwert haben die Ingolstädter Jazztage bundesweit?
Man spricht in der Fachwelt sehr viel drüber. Vom Programm her spielen wir ganz
oben mit, und wenn man die Probleme sieht, die die Veranstalter anderer Festivals haben,
können wir zufrieden sein.
"Al Jarreau rief persönlich bei uns an, weil er
wieder auftreten wollte. Sein Management schob einen Riegel vor"
Hat Ingolstadt einen besonderen Ruf unter den Musikern?

Die Agenturen arbeiten sehr gerne mit uns zusammen, weil sie wissen, dass wir
seriös sind. Es ist noch kein Musiker von Ingolstadt weggefahren, der sich
beschwert hätte. Extrem war es z. B. bei Branford Marsalis (siehe Foto), der ja hätte
enttäuscht sein können, weil der Festsaal nicht ausverkauft war. Das Gegenteil
war der Fall - in New Orleans hat er für uns Werbung gemacht. Al Jarreau
hat uns persönlich angerufen und gebeten, ihn erneut zu verpflichten. Das haben
wir dann auch getan. Der Gig kam aber trotzdem nicht zustande, weil ein
britisches Management dazwischen hängt, das den europäischen Markt
kontrolliert. "Du warst im Sommer zwei Monate in Europa, jetzt wird die
Platte gemacht", hieß es seitens der Plattenfirma, da hatten wir keine
Chance mehr, und da sind dann selbst so großen Künstlern wie Jarreau die
Hände gebunden.
Die Kooperation mit New Orleans hatte einen vielversprechenden Anfang bei den
diesjährigen Jazztagen und soll weiter ausgebaut werden. Wirst Du der Einladung
der New Orleans-Delegation folgen und das dortige Festival mal besuchen?
Leider findet unser Bluesfest zeitgleich, also Ende April, statt, so dass ich nicht
hinfahren kann. Sicherlich ist es ein tolles Erlebnis, aber mir persönlich ist
es nicht so wichtig, dort vor Ort zu sein.
Erleichtern gelungene Jazztage die Suche nach weiteren finanzkräftigen
Sponsoren oder beginnt der Kampf jedes Jahr aufs Neue?
Auch nach den Jazztagen 1999 waren alle hellauf begeistert, als es aber dann
soweit war, tauchten Probleme auf. Es ist Sache der Stadt Ingolstadt, die
Sponsorenverträge so früh wie möglich unter Dach und Fach zu bringen, wie es
anderswo auch gemacht wird. Wenn dem so ist, gibt es keine Probleme. Ich gehe
davon aus, dass alle momentanen Sponsoren dabei bleiben und darüber hinaus
vielleicht ein oder zwei neue hinzu kommen.
Wird das Budget im kommenden Jahr seitens des Kulturamts erhöht?
Glaube ich nicht, das kann höchstens durch Sponsoren erhöht werden. Das
Problem sind diese ganzen Unwägbarkeiten wie die Steuergesetzgebung oder der
Dollar-Kurs. Und man darf nicht vergessen, dass die Stadt dafür gerade stehen
muss, wenn einmal weniger Zuschauer kommen. In einem schlechten Jahr müssen
100.000 Mark draufgezahlt werden, ein anderes Mal bleiben 100.000 Mark übrig,
aber es wird sicher eher abgesichert, als dass man z. B. 200.000 Mark zusätzlich
investieren würde.
Wie ging die Rechnung in diesem Jahr auf?
Wir hatten wesentlich mehr Besucher als im Vorjahr, für Gagen wurde nur
geringfügig mehr ausgegeben als 1999, außerdem konnten diese durch Eintrittsgelder
komplett abgedeckt
werden. Kurzum, wir können zufrieden sein.
Wie sieht's denn aus mit namhaften Künstlern, die man mal engagieren wollte,
die dann aber nicht kamen - Beispiel Van Morrison, der im letzten Jahr
kurzfristig absprang?
"Van Morrison laufen wir nicht mehr hinterher -
sein Management soll nun auf uns zukommen"

Grundsätzlich ist jeder Künstler immer wieder im Topf. Jedes Jahr geht's los
mit denselben 20 bis 30 Namen, ich nenne an dieser Stelle mal Bobby McFerrin,
Pat Metheny, Winton Marsalis - ein, zwei neue kommen hinzu, manche sterben uns
weg oder scheiden aus. Mittlerweile kommen auch große Musiker von sich aus auf
uns zu. Wir passen auf, wer in der jüngsten Vergangenheit Zuverlässigkeit
bewiesen hat. Bei Van Morrison beispielsweise ist es so, dass er die Hälfte der
zugesagten Konzerte absagt, da überlegt man es sich schon sehr
genau, ob man ihn verpflichtet. Wir sind bei ihm bei dem Standpunkt angelangt,
darauf zu warten, dass sein Management auf uns zukommt. Sie wissen von unserem
Interesse, bekommen jedes Jahr unsere Termine, und nun liegt es an ihnen, sich zu
rühren. Wir laufen Van Morrison nicht mehr hinterher - was nicht heißen soll,
dass wir uns nicht unglaublich freuen würden, wenn er kommen würde. Generell
geht man ja
immer davon aus, dass die großen Künstler lange im Voraus planen, und das ist
auch nicht ganz falsch. Oft aber schieben sie dann plötzlich noch einige
Termine ein, und dann muss man handeln. Im letzten Jahr konnten wir so
kurzfristig die Kubaner nach der Absage Van Morrisons verpflichten; das war
binnen 24 Stunden unter Dach und Fach, weil sie einen Veranstalter in Rotterdam
auf April vertrösten konnten. In diesem Jahr hab ich leider erst sehr kurz vor
den Jazztagen ein Angebot erhalten, Dionne Warwick zu verpflichten. Eine
Riesen-Sängerin mit toller Band, die wahrscheinlich auch ausverkauft gewesen
wäre. Auf die Idee zu fragen, ob diese Frau überhaupt noch aktiv ist, wäre
ich gar nicht gekommen. In den drei, vier Monaten vor den Jazztagen müssen wir
hellwach sein: Wer ist auf Tournee, wo sind noch Löcher im Tourplan, kann ich
mit diesen Löchern meinen eigenen Plan ausfüllen, usw.?
Welche Wünsche hast Du für die Jazztage 2001?
Hinsichtlich der Künstler dürfen wir nicht vor lauter New Orleans-Begeisterung
einseitig werden, sondern müssen den Blick offen halten für das, was auch beim
Publikum angesagt ist. Lieber die New Orleans-Schiene auf mehrere Jahre verteilen und
behutsam integrieren, denn es passieren so viele andere Geschichten, welche man
nicht verpassen darf. Es wird für uns sehr, sehr schwierig im nächsten Jahr,
die Erwartungshaltung zu erfüllen und uns (Jan Rottau hat gemeinsam mit Walter Haber
die Festivalleitung der Jazztage inne; die Red.) auch intern einig zu werden. Die Gefahr
eines Alleingangs besteht, ich hoffe, dass das nicht passiert. Das Programm muss
vielfältig und spannend bleiben. Bei der ersten Jazzparty, die heuer nicht so
toll angenommen wurde, muss wieder mehr Pfeffer rein.
Mit welchen Namen darf man in den nächsten Jahren rechnen in
Ingolstadt?
Wir haben Namen im Kopf, an die fast niemand denkt. Wenn die dann kommen, wird
die ganze Jazzwelt aufhorchen und sich fragen, "warum sind wir da nicht drauf
gekommen?". Einen Künstler gibt es, hinter dem sind wir schon drei Jahre
her. Der ist so nah am Jazz, aber an den denkt kein Mensch, weil er nie unter
dem Begriff Jazz verkauft wird.
Tony Bennett?
"B. B. King war schon fest eingeplant für heuer
- vielleicht klappt's im nächsten Jahr"

(Lacht) In diese Richtung geht's. Ich kann mal einen Namen nennen, den wir nicht
handeln, der aber auch sehr interessant wäre: Charles Aznavour. Er hat eine
wahnsinnig tolle Platte aufgenommen, ist in Frankreich ein Riesen-Star, jetzt
wiederum als Jazzmusiker. Und genau darauf muss man aufpassen: Was machen die Leute
während des Jahres? Die meisten blicken nur in die USA, vergessen aber den
europäischen Raum komplett. Die Tage mit den Highlights müssen optimal besetzt
sein, zumindest der Versuch muss stets unternommen werden. Für dieses Jahr war außer
James Brown noch B. B. King (siehe Foto) fest eingeplant. Die Gagen waren bereits verhandelt und
alles war schriftlich fixiert, lediglich seine Unterschrift fehlte noch. Leider
hat er letztendlich die Tour mit Eric Clapton vorgezogen. Wir werden 2001 einen
erneuten Versuch starten, ihn nach Ingolstadt zu holen (Konzertbericht
B. B. King im Circus Krone in München, April 1998).
Vielen Dank fürs Gespräch!
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