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  Ausgabe 10 : Glosse

  
 
 

Michael "Pius" Karl

Der Autor dieser Glosse lebt, liebt und schreibt in München und erlernt soeben das Klavierspiel.

Der musikalische Offenbarungseid oder "Was Elvis' Becken mit Britney gemein hat" 

Irgendwie blöd, wenn man Jahrgang ´71 ist, oder? Man springt als motivierter Teenager in den Achtzigern rum und was passiert in dem Jahr meines ersten Samenergusses? Klar - AIDS. Super, oder? Was bleibt einem, außer der Flucht in die Musik?

Leider waren die Achtziger musikalisch gesehen ein Desaster. Wer's nicht glaubt, soll sich beim Media-Markt für 20 Mark "DIE ACHTZIGER" kaufen oder mir Bescheid geben, dann schenk ich ihm/ihr mein Exemplar. In dieser Depression klammert man sich an zehn, maximal 20 Schallplatten (keine CDs!). Das Problem ist nur, vor lauter Klammern verpasste man (gewollt?) den Aufsprung auf den Techno-Zug, der sich laut, schnell und hirnfressend in Lichtgeschwindikeit auf "Red Bulls"-Flügeln von einem fortbewegte. Während man noch kopfschüttelnd hoffte, die Mädels und Buben würden schon checken, dass Techno nichts anders als schnelle Marschmusik ist, bricht hinterrücks der Schlager und volkstümliche Musik Wotan über einen rein. Dem letzten Gefecht auf Erden gleich, versucht man sich dann noch schnell gegen brutalste Rap-Hip-Hop-Keine-Ahnung-Coverversionen zu schützen, bevor man endlich resigniert vor Zlatko, Alex und Konsorten darnieder bricht und frisch, fromm, fröhlich, frei sich gepflegt übergeben kann, darf und auch durchaus sollte.

Natürlich gibt es sie noch, die anspruchsvolle Musik. Sei es Klassik, Jazz, Folklore, Blues oder einen gepflegten, dreckigen Rock. Bei der Vielfalt guter und vor allem beständiger Musik muss man sich doch fragen: Warum hat die obengenannte Ausdrucksweise soviel Erfolg? Liegt es daran, dass wir alt sind? Waren die Leute damals gegenüber dem Rock´n´Roll genauso eingestellt wie wir heute der Musikmassenvernichtungsabfüllmaschinerie? Echauffierte man sich damals über Elvis Presleys Becken ähnlich wie wir heute über gschpastige Hupfdohlen wie Britney und Konsorten? 

Sicher kann man hier Parallelen ziehen, leider gab, gibt und wird es immer Mitmenschen geben, die genau so viel Ahnung von Musik haben wie griechische Steinesel von der Aktie Gelb. Es gibt aber auffallend viele von der Sorte und es werden täglich mehr. Irgendwann werden sie uns haben. Anspruchsvolle Musik wird wegen zu großer Beanspruchung des Gehirns verboten. Jeder Fehltritt wird nicht unter 12 Stunden "Big Brother"-Dauerberieselung bestraft. Bei schweren Vergehen, wie zum Beispiel selber musizieren, droht die All-Inclusive-Musikantenstadl-Tour: "Mit dem Urviech auf volksmusikalischer Entwicklungsreise nach Tschurangrati".

Tja, so wird’s kommen. In geheimen Treffen, bei zugezogenen Vorhängen, trifft man sich dann und in Zehnergruppen teilt man sich einen Kopfhörer, aus dem die seelentröstenden und wundheilenden Texte eines Bob Dylan und Eric Clapton einem das Herz laben.



[20. November 2000]