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Wo die Bratsche die erste Geige spielt
 Bekanntlich
haben die Menschen unterschiedliche Einstellungen zu ihrem täglichen
Broterwerb. Einigen wird es egal sein, was sich vor oder nach Arbeitsende an
ihrem Arbeitsplatz tut oder ob das Werkzeug genug Aufmerksamkeit erhalten hat.
Dem 28-jährigen Roland Glassl ist es nicht egal. Er möchte seinem Werkzeug,
der Bratsche (international als Viola bekannt, die große Schwester der
Violine), zu einer größeren Bekanntheit und Akzeptanz verhelfen. Dazu hat der
diesjährige Kunstförderpreisträger der Stadt Ingolstadt ganz sicher das Zeug.
Seine Leidenschaft für dieses Streichinstrument hat er erst vor einigen Jahren
entdeckt, doch das Interesse wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Glassls
Vater ist ein bekannter Geigenbauer, der unter Kennern einen exzellenten Ruf
besitzt. Doch Sohn Roland wollte Geigen nicht bauen, sondern darauf spielen.
Nach ersten vielversprechenden Schritten in diese Richtung, unterstützt durch
seinen Lehrer Gerhard Seitz, bekam er die Möglichkeit, bei der weltweit
anerkannten Lehrerin Ana Chumachenco an der Musikhochschule München zu
studieren.
Vier Jahre nahm sein Musikstudium insgesamt in Anspruch. Vier Jahre, die
sich am Ende gelohnt hatten, und Roland Glassl dazu berechtigt hätten, weitere zwei
Jahre in der sogenannten "Meisterklasse" zu studieren. Wenn er von
dieser Zeit erzählt, klingt es manchmal so, als würde er absichtlich
untertreiben. Hört man ihm jedoch genau zu, bleibt eher der Eindruck eines
bescheidenen Musikers, der sein Talent zwar kennt, es aber nur ungern in den
Vordergrund stellt. Immer wieder erwähnt er die Zeiten, in denen er Geige und
Bratsche genauer kennen lernte.
Bekehrung in Indiana
Doch Roland Glassl wollte die Meisterklasse später absolvieren, um seinen
Horizont im Ausland zu erweitern. So ging er zunächst für ein Jahr an die
Indiana University (USA), doch am Ende blieb er drei Jahre dort.
Zunächst studierte er Viola als Nebenfach, noch galt der Violine das
Hauptaugenmerk. Am Ende dieser Zeit war es umgekehrt: Roland Glassl hatte die
Bratsche als Hauptfach belegt. Er selbst nennt es schmunzelnd eine
"Bekehrung". Zurück in Deutschland wurde es ernst, denn auch einem Virtuosen wie ihm
fallen ansprechende Angebote nicht in den Schoß. Aber auch hier konnte er den
Lohn der harten Lehrjahre und zahllosen Übungsstunden ernten: Er schloß sich
1999 dem "Mandelring Quartett"
(siehe Foto rechts) an, einer Gruppe von
jungen Musikern mit einem gutem Ruf, beheimatet in Neustadt an der Weinstraße.
"Jede Monotonie ist zum Scheitern verurteilt"
Aber auch seine anderen Interessen wie Sport, Schach und Bücher, die er
noch heute gern pflegt, dürfen nicht zu kurz kommen. "Ich treffe mich
gerne mit Freunden aus alten Ingolstädter Tagen, die keine Musiker sind, was
mir sehr wichtig ist, denn jede Monotonie ist meiner Meinung nach zum Scheitern
verurteilt. Es ist für mich wichtig, mich für andere Dinge zu interessieren,
und manchmal lass ich mich davon auch inspirieren", sagt er.
Inspiration braucht er auch, der 28-jährige. "Der Bratsche werden
keine solistischen Qualitäten zugetraut", bedauert Roland Glassl. Viele
Komponisten hätten oft nur den dunklen, traurigen und melancholischen Ton der
Bratsche zugeschrieben, "aber auch da hat das Instrument mehr zu
bieten", meint er bestimmt. Die Vorurteile, es gäbe zu wenig Literatur und
die Bratsche hätte ihre Aufgaben im Gebiet der Orchestermusik oder der
Kammermusik zu suchen, nicht im solistischen Bereich, möchte der junge Musiker
nicht länger gelten lassen.
Über Peru und England nach Sizilien
Gerade eben erst ist das "Mandelring Quartett" zurückgekehrt von
einer Tournee, die ihn kreuz und quer durch die Welt führte: Peru,
England und schließlich Sizilien. Immer wieder macht Glassl auf diesen Reisen
die Erfahrung, dass nach dem Konzert Besucher zu ihm kommen und sich die
Bratsche zeigen lassen, weil ihnen deren Klang gefallen hat. Bestätigung für
seinen unermüdlichen Einsatz.
Schließlich war es dieselbe Leistung, mit der er 1997 beim renommierten
"Lionel Tertis International Viola Competition and Workshop" in England den ersten Preis
gewann, sowie erst kürzlich den ersten Preis beim
"Washington International Competition for Strings 2000".
Auszeichnungen, auf die er stolz ist und die für seine Karriere wichtig und
nützlich sind. Für Roland Glassl waren diese Preise nicht nur Ansporn.
Vielmehr haben sie auch seine Leidenschaft für die Bratsche vollends entfacht. Inzwischen
interessieren ihn die verschiedenen Farben des Instruments mehr als die pure
Technik. Anregungen holt er sich deshalb auch in Bereichen, die dem Bratschenspiel
eher nicht verwandt scheinen, zum Beispiel bei Sportlern, weil die "einen
Mentaltrainer haben, um dem Leistungsdruck entgegenzuwirken".
Einen Mentaltrainer hat er nicht nötig
 Entspannt und ruhig wirkt er schon jetzt, auch ohne eigenen Mentaltrainer.
Die über 50 Auftritte pro Jahr mit dem "Mandelring Quartett"
lasten ihn nicht genug aus, deshalb gibt er auch Unterricht, hört gern Kollegen
beim Spielen zu oder hilft der Ingolstädter Band Slut im Studio aus.
Überholten Traditionen will er mit seiner Musik nicht verhaftet sein, und so
hat er auch zu einem Paradiesvogel wie Nigel Kennedy ("positive
Randerscheinung") ein entspanntes Verhältnis.
Mit dieser Gelassenheit und seiner Bratsche im Gepäck ist Roland Glassl auf
dem besten Weg, dem Kunstförderpreis in den folgenden Jahren noch weitere
Anerkennungen folgen zu lassen. Und wenn dabei auch für das Instrument
Aufmerksamkeit abfällt, wird ihn das sicher noch viel mehr freuen. Sprachs, und
war schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auftritt, diesmal in Wien.
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