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Boettchers Unvollendete
Lokalmatador Chris Boettcher macht aus der Lücke
eine Tugend und begeistert mit "Be a star"
in der Fronte

Als Veranstalter kann man sich nach so einem Abend eigentlich
die Hände reiben: Die Fronte 79 war bis auf wenige
Plätze ausverkauft, das Publikum ließ den
Künstler erst nach drei Zugaben in Frieden (wobei
drei Zugaben für einen Kabarettisten schon was
Besonderes sind), der wiederum wusste mit seinem neuen
Programm zu begeistern, überspielte seine gar nicht
so selten auftretenden Konzentrationsschwächen
mit Witz und Selbstironie. Doch genau das war's, was
Walter Haber von der veranstaltenden Förderband
Musikinitiative am Freitag Abend nicht ganz so toll
fand: "Man kann es sich als Kabarettist eigentlich
nicht erlauben, mit einem Programm aufzutreten, das
man noch nicht beherrscht", meinte er, und sein
Wort hat Gewicht, denn "Woidl" kennt sie alle,
die Kabarettisten dieses Landes. Und trotzdem liegt
der Fall bei Chris Boettcher, dem gebürtigen Ingolstädter,
ein wenig anders: "Ihm fressen die Zuschauer aus
den Händen, er darf das", so das abschließende
Fazit des Veranstalters.
Big Boettcher is watching you!
Chris Boettchers Programm unterscheidet sich in einer
Hinsicht ganz gewaltig von dem der Konkurrenz: Er bindet
das Publikum mit ins Geschehen ein, ob das nun gewünscht
ist oder nicht. Ganz am Anfang muss die Audienz aufstehen
("Ja los, das meine ich ernst!") und Big Brother
Zlatko huldigen - das Ganze gleicht einer katholischen
Predigt, es fehlt nur das Amen am Schluss -, später
werden zwei Kandidaten für eine Talkshow auf die
Bühne geholt, um Passagen aus bekannten deutschen
Schlagern zu trällern, dann dürfen acht Damen
bei einer Miss-Wahl vor der Bühne stolzieren und
müssen wenig schmeichelhafte Bemerkungen über
sich ergehen lassen. Und wer zu laut oder an einer unpassenden
Stelle lacht und Boettcher eine Pointe vorwegnimmt,
der muss damit rechnen, ins Visier genommen zu werden.
Nix da mit teilnahmslos rumsitzen und zuschauen, der
Zuschauer ist gefordert, denn schließlich heißt
das Programm "Be a star", und damit ist nicht
der Künstler selbst, sondern einzig und allein
sein Publikum gemeint.
Wo Eltern noch Geschwister sind
Seit
Oktober ist Boettcher, der nach seinem Wechsel von Antenne
Bayern nun die Hörer von Bayern 3 mit seinem "Bayern
3 Rundfunkchor" (siehe rechts) beglückt,
auf Tour, und wie sein letztes Programm "Liederwahnsinn"
überzeugt auch "Be a star" vor allem
durch die rasante Abfolge voller Parodien auf nationale
und internationale Showstars. Und da im Zeitalter von
Big Brother quasi jeder noch so vertrottelte Volldepp
das Zeug zur Ikone hat, geht Boettcher davon aus, dass
auch im Publikum die Knaller von morgen sitzen. Dazu
bedarf es nämlich gar nicht viel: ein passendes
Image und die berühmten Wörter mit dem "g"
vorneweg: sei größenwahnsinnig und grottenschlecht,
dann hast du alle Trümpfe in der Hand! Dank Ricky
Martin-Hüftschlenker mutiert sogar der den Verkehr
regelnde, eigentlich stocksteife deutsche Schutzmann
plötzlich zum Sexsymbol. Zlatkos Grenzdebilität
schreit in BSE-Zeiten förmlich nach Rindfleisch-Werbung,
in den Big Brother-Container ziehen Kohl, Fischer, Scharping,
Schröder und Container-Schlampe Merkel ein und
dass sogar die alten Knacker durchaus noch Starqualitäten
aufzuweisen haben, ist an Udo Jürgens ("Sex
mit 60 Jahren") und Tom Jones ("Sex Bomb")
auszumachen. Aber Boettcher ist nicht nur vordergründig
witzig, er kann auch richtig hundsgemein sein. Das kommt
am schönsten in seinem Volksmusik-Lied zum Vorschein,
dort, "wo Eltern noch Geschwister sind", wo
von Pfarrern und Ministranten und Knechten und Kühen
die Rede ist.
Slapstick der unfreiwilligen Art
Seit Oktober ist Chris Boettcher mit seinem neuen Programm
auf Tour, und noch immer feilt er daran rum und macht
daraus fast schon eine, wenn auch ungewollte, Tugend.
So wartet er einmal vergeblich auf das Einspielen einer
Musik, weil nämlich der Tontechniker von der kurzfristigen
Umstellung des Programms noch gar nichts wusste. Bei
einigen Textzeilen hapert's noch ganz gewaltig, aber
man kann es ihm nicht wirklich übel nehmen, es
wirkt fast so, als sei es Teil des Programms. Vielleicht
ist Boettcher ja einfach so ein Schussel? Als er vor
dem Beginn der Vorstellung kurz hinterm Vorhang Richtung
Zuschauer spechten will, donnert er mit der rechten
Gesichtshälfte gegen einen Metallpfosten, nach
den Zugaben rammt er beim Verlassen der Bühne jeweils
einen Stuhl und kommt beinah ins Stolpern. Und Slapstick
der unfreiwilligen Art ist noch immer der allerbeste.
Eine Variante, über die Boettcher vielleicht noch
gar nicht so richtig nachgedacht hat. Schade, dass dies
auf der CD, die in Kürze erscheinen wird, nicht
rüberkommt.
Eure Meinung zu dieser Kritik bzw. zum Kabarettabend
und zu weiteren Auftritten könnt Ihr gerne in unserem
neuen Musik-Forum
loswerden.
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