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Fleisser
- und was dann?
Das Klischee von den Bohemians, die in verqualmten Lokalen
sitzen und ihre neuesten Gedichte vorlesen, die Zigarette
lässig aus dem Mundwinkel hängend, kommt mir in den Sinn,
bevor ich mich auf den Weg zu unserem Treffen mache. Im "Nachtwind"
treffen sie sich, immer am letzten Dienstag des Monats um
19 Uhr. Sie - das ist ein kleiner Kreis von Dichtern und Schriftstellern
aus Ingolstadt. Viel kann da ja nicht sein, denke ich mir.
Versuche, neben Marieluise Fleisser weitere Ingolstädter Autoren
aufzuzählen, scheitern schnell. Anfang der Neunziger gab es
mal ein paar erfolgversprechende Ansätze, als von Bernd Feldmann
die Textsammlung "Heftbar" regelmäßig veröffentlicht wurde
und Literatenwirt Christian Ermler in seiner Kneipe schräge
Lesungen abhielt. Doch beide gaben aus verschiedenen Gründen
den Stab weiter - ins Leere. Literatur in Ingolstadt existierte
eigentlich nur noch im Veranstaltungskalender des Kulturamtes.
Keine Spur mehr von "Jungen Wilden", jungen Bukowskis und
Millers. Ingolstadts Literaturszene als schwarzes Loch? 1995
gab es erstmals die Literarische Nacht. Vom Kulturamt veranstaltet,
durften Autoren aus der Region im Kamerariat lesen. Als Nachwuchstalente
gingen die wenigsten von ihnen durch, als "Junge Wilde" noch
weniger. Talente waren durchaus darunter, Nachwuchs nein.
Die Literarische Nacht wird seitdem jährlich veranstaltet,
mittlerweile im KiK im Klenzepark. Obwohl es nicht einfach
ist, zu den auserwählten Schreibern zu gehören: Vor der Kür
kommt auch hier die ungeschriebene Pflicht, und die besteht
darin, bei dem vom Kulturamt initiierten Arbeitskreis seine
Werke vorzutragen. Man trifft sich monatlich im "Hotel Anker",
darunter bereits renommierte Autoren wie Klaus W. Sporer.
Mit Erotik ist kein Blumentopf zu gewinnen
 "Was
dort vorgelesen wird, muss hinterher erstmal eine halbe Stunde
diskutiert werden". Das sagt Gerti Winzig, die zu der kleinen
Gruppe von Autoren gehört, die ich an diesem kalten Novemberabend
im "Nachtwind" antreffe. Sie sagt es lachend. Gut Lachen hat
sie auch, denn ein paar andere aus dem Arbeitskreis dachten
wohl wie sie. Ihnen war die Expertenrunde zu konventionell,
zu angestaubt und zu brav. "Als ich mein Gedicht über einen
Dompteur vorgetragen hatte, war Stille im Raum", sagt Gerti
Winzig. Ihr Gedicht hätte Henry Miller zwar nicht die Schamesröte
ins Gesicht getrieben, aber ihm vielleicht Respekt abgenötigt,
denn der Inhalt ging doch eindeutig ins Erotische. Nichts
für den Arbeitskreis. Und so spaltete sich eine kleine Gruppe
ab, und tagt fortan einmal im Monat im "Nachtwind", immer
in unterschiedlicher Besetzung. Martina Funk gehört an diesem
Abend dazu, Sylvia "Kamuki" Winzig und Daniel Peucker. Der
junge Mann ist seit kurzem Student an der Katholischen Universität
Eichstätt, und kein unbeschriebenes Blatt in der Ingolstädter
Kulturszene: Er ist Mitglied bei den Bands Machoskunk und
Euphonics. In den ersten Wochen an der Uni ging ihm einiges
im Kopf herum, und das hat er nun zu Papier gebracht. Natürlich
ein Fall für die kleine Runde am Tisch, und so trägt er zwei
neue Gedichte aus seiner Feder vor (eines davon können
Sie auf unserer Literaturseite
lesen). Sie sind noch nicht vollständig, sozusagen der visuelle
Teil fehlt noch: Daniel Peucker nämlich macht seit einiger
Zeit auch Fotos zu seinen Texten.
Zwanglose Tipps und verpasste Gelegenheiten
Zwanglos
geht es zu bei den Nachwuchsliteraten. Zwischen Smalltalk
und einigen Zigaretten gibt es immer wieder Neues, mal Kurzgeschichten,
mal Gedichte. Bedeutungsschwanger sind auch hier einige Sachen,
und natürlich spricht man gern darüber, was diese oder jene
Zeile bedeuten soll. Aber bierernst geht es nicht zu. Wenn
Tipps kommen, dann sind die eher hilfreich, nicht belehrend.
Aktuelles Thema ist die Veröffentlichung von Texten der letzten
Literaturtage. Die liegen schon einige Monate zurück, doch
das Buch ist noch nicht veröffentlicht. Statt die Sammlung
passend zur Veranstaltung zu verkaufen, ist man im Kulturamt
der Meinung, der Verkauf um die Weihnachtszeit wäre förderlicher.
Doch Weihnachten steht vor der Tür, und von einer Veröffentlichung
hat man schon lange nichts mehr gehört. Auch der zuständige
Mitarbeiter des Kulturamtes, Harald Kneitz, war für eine Stellungnahme
leider nicht erreichbar. Also bleibt es vorläufig bei dem
Schattendasein der kleinen Gruppe im "Nachtwind" mit der Hoffnung
auf die nächsten Literaturtage. Die sind noch weit entfernt,
finden voraussichtlich wieder im April 2001 statt. Ob jemand
dabei sein wird, der an diesem Abend mit am Tisch sitzt? Jedenfalls
ist die Motivation, auch mal beim "Großen Arbeitskreis" vorbei
zu schauen, eher gering. Aber wer weiß, vielleicht hat ja
das Kulturamt sein Herz für junge Literaten noch nicht ganz
aufgegeben.
Das nächste Treffen des großen Ingolstädter
Literaturkreises findet übrigens am 4. Dezember
um 20 Uhr in der Gaststätte "Anker" (einen
Steinwurf vom Stadttheater entfernt) statt.
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