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  Ausgabe 13 : CD-Weihnachtstipps

  
 

Xmas-Tipps

Weihnachten ist keine zwei Wochen mehr entfernt, an Geschenke hat man höchstens ansatzweise gedacht und die Zeit drängt. IN-ticker hilft: Wir stellen Ihnen in dieser und in der kommenden Woche ein paar Platten vor, die Ihnen das sichere Gefühl geben, das Bestmögliche getan zu haben. Wer da noch motzt, hat Geschenke nicht verdient.

Pippo Pollina
"Rossocuore" (1999)

 

Pippo Pollina - Cover 'Rossocuore"Italienische Popmusik hat in Deutschland ungefähr den gleichen Ruf wie Neuschwanstein in Kalifornien. Goldig, kitschig und eine schöne Urlaubserinnerung. Die Wirklichkeit sieht indes anders aus, so wie auch Mallorca vermutlich weitaus mehr zu bieten hat als prollige Touristentölpel und Bierleichen. Pippo Pollina ist so einer, der ins Bewußtsein rückt, dass Italiener auch noch was anderes können als Schmusemusik und Prosecco zu produzieren. Der sympathische, jugendlich wirkende Süditaliener hat es in den vergangenen Jahren wohl immer wieder verstanden, Kritiker für sich einzunehmen. Mit "Rossocuore" (1999) ist ihm ein kleiner Meilenstein geglückt. Meilenstein im Sinne anspruchsvoller Rockmusik aus Italien. Er ist überall daheim, seine Einflüsse bezieht er aus zahlreichen Tourneen in aller Herren Länder, und auch aus Büchern. So heißt schon der erste Song auf dem Album "Finnegan´s Wake", benannt nach dem Klassiker von James Joyce. Der Erzähler will wissen, was Joyce mit dem Buch sagen wollte, und ist dabei rastlos unterwegs, in Prag, Dublin und sonstwo. Fremde Sprachen werden im Text vermengt, mal singt er in englischer, mal in deutscher und natürlich auch in italienischer Sprache. Ein furioser Auftakt zu einem Album, dass tatsächlich auch wie ein Fotoalbum funktioniert. Jedes Lied ein neues Bild, und ein neues Klangbild gleich dazu. Eindringlich sein Gesang, ehrlich und interessant die Texte. Die liegen praktischerweise gleich in der deutschen Übersetzung bei, denn wer von uns kann außer dem üblichen "il conto, per favore" schon wirklich Italienisch? Pollinas Band ist unglaublich gut, klingt wie nach etlichen Konzerten aufeinander abgestimmt und eingespielt. Zwei Stücke fallen musikalisch vielleicht etwas ab, aber immer wieder sind es die intelligenten Texte, die einen zurückholen zum aufmerksamen Zuhören. Ich kenne sonst niemanden, der "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel Marcia Marquez gelesen hat und seine eigenen Gedanken anschließend in eine derart betörende Melodie wie "Cent´anni di solitudine" verpackt hätte. Grandezza, fantastico! Wer die Gelegenheit hat, Pollina live zu erleben, sollte sie nutzen. Denn mit Prosecco- und Caorle-Seligkeit hat der Mann gar nix am Hut.

 

Thomas Uhle

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Richard Ashcroft
"Alone With Everybody" (2000)

 

Richard Ashcroft - Cover 'Alone With Everybody'Dieses Album hat mich umgehauen und in seinen Bann gezogen wie lange kein anderes mehr. Ich habe über Wochen hinweg fast nichts anderes gehört. Ich stand auf mit dieser Musik, ich legte mich schlafen damit, im Bett den Kopfhörer des CD-Walkmans auf dem zu dieser Zeit reichlich verwirrten Schädel. Richard Ashcrofts "Alone With Everybody" war genau die richtige Ansammlung wunderbarer Songs zur richtigen Zeit, es war die Platte, die mich im Sommer, der lange keiner war, wieder zurückholte ins pralle Leben, die mich tief berührte, die mir zum Vertrauten, zum Freund wurde. Schon das letzte Album seiner mittlerweile leider aufgelösten Band "The Verve" wies einige solcher Perlen auf, aber Ashcroft schaffte, was kaum jemand ihm zugetraut hatte: Er konnte den Verve-Abgesang mit seinen betörend schönen Songs noch toppen. Vom kommerziellen Gesichtspunkt blieb sein Solo-Debüt zwar bei weitem hinter dem Millionenseller "Urban Hymns" zurück, aber das tut der Scheibe überhaupt keinen Abbruch. Es gibt Projekte, die will ein Musiker durchdrücken, weil sein ganzes Herzblut dahinter steckt. Und außerdem ist es noch lange kein Qualitätsurteil, wenn ganze Massen ein- und dasselbe Album kaufen; frag nach bei Bohlen. Ashcroft hatte die elf Songs dieses Longplayers schon seit einiger Zeit in der Schublade, und sie hätten mit seinen alten Verve-Kumpels nicht schöner klingen können. Es war und es ist sein Album, nur seines. Er hat jeden Song komponiert und geschrieben, er spielte Gitarre, Keyboards, Percussion, Orgel, Melodica und Mellotron, er gab den Herzschlag vor. Allen voran "You on my mind in my sleep", aber auch "Slow was my heart", "I get my beat", "Brave new world" und "Everybody" sind zeitlose Klassiker (die Midtempo-Nummern "C'mon people" und "Money to burn" ebenfalls) und werden in zwanzig Jahren kein bisschen verstaubt klingen. Wenn unsere Kinder uns dann fragen, ob es außer dem ganzen Kommerzmist damals auch Musik gab, die ihre Zeit überlebt hat, dann ist das die Antwort darauf.

 

Uwe Ziegler

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Frank Sinatra
"Ol´ Blue Eyes Is Back" (1973)

 

Nicht das Cover, aber blau: Frank SinatraTaufrisch ist das Album nicht, zugegeben. Aber zum Glück entscheidet nicht das Erscheinungsdatum über Gefallen oder Nichtgefallen. Francis Albert Sinatra setzte sich Anfang der Siebziger zur Ruhe, um sich kurz darauf (für viele nicht unerwartet) wieder zurück zu melden. Comeback ist bei einem Namen wie dem seinen natürlich das falsche Wort. Sinatra ist entweder da oder nicht. Mit "Ol´ Blue Eyes Is Back" (1973) war er wieder voll da. Milder war seine Musik geworden, manche würden sie wohl auch "poppiger" genannt haben (zur Diskussion über dieses Thema empfehle ich das Forum unter der Fansite). Aber eigentlich war auch dieses Album nur ein weiterer Hammer vom Freizeit-Mafioso und Frauenschwarm. Vom Orchester (Arrangements: Gordon Jenkins und Don Costa, Dirigent: Gordon Jenkins) perfekt begleitet, singt Sinatra natürlich über Frauen, die Liebe und das Leben. Er blickt milde zurück auf ein bereits zu diesem Zeitpunkt an Erfahrungen reiches Leben, auf Enttäuschungen und auf Kindheitserinnerungen. Meine Glücksmomente auf dem Album sind "Send in the clowns", das an seine Konzeptalben aus den fünfziger Jahren erinnert, und "Let me try again", ein Lied über, naja, Enttäuschung und Neuanfang. Wer Stücke wie "My way" (das Sinatra selbst übrigens nicht mochte) oder "Love´s been good to me" mag, kommt hier auf seine Kosten. Ein älterer Mann blickt zurück, und er tut es mit dieser Weisheit, die nur Männern seines Alters zu eigen ist. Sinatra war wieder da, und allen Las-Vegas-Kaschperln zeigte er, wo der Barthel den Most holt.

 

Thomas Uhle

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[11. Dezember 2000]

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