Xmas-Tipps
Weihnachten ist keine zwei Wochen mehr entfernt, an Geschenke hat
man höchstens ansatzweise gedacht und die Zeit drängt. IN-ticker
hilft: Wir stellen Ihnen in dieser und in der kommenden Woche ein
paar Platten vor, die Ihnen das sichere Gefühl geben, das Bestmögliche
getan zu haben. Wer da noch motzt, hat Geschenke nicht verdient.
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Pippo Pollina
"Rossocuore" (1999)
 Italienische
Popmusik hat in Deutschland ungefähr den gleichen Ruf wie Neuschwanstein
in Kalifornien. Goldig, kitschig und eine schöne Urlaubserinnerung.
Die Wirklichkeit sieht indes anders aus, so wie auch Mallorca vermutlich
weitaus mehr zu bieten hat als prollige Touristentölpel und Bierleichen.
Pippo Pollina ist so einer, der ins Bewußtsein rückt, dass Italiener
auch noch was anderes können als Schmusemusik und Prosecco zu produzieren.
Der sympathische, jugendlich wirkende Süditaliener hat es in den vergangenen
Jahren wohl immer wieder verstanden, Kritiker für sich einzunehmen.
Mit "Rossocuore" (1999) ist ihm ein kleiner Meilenstein geglückt.
Meilenstein im Sinne anspruchsvoller Rockmusik aus Italien. Er ist
überall daheim, seine Einflüsse bezieht er aus zahlreichen Tourneen
in aller Herren Länder, und auch aus Büchern. So heißt schon der erste
Song auf dem Album "Finnegan´s Wake", benannt nach dem Klassiker von
James Joyce. Der Erzähler will wissen, was Joyce mit dem Buch sagen
wollte, und ist dabei rastlos unterwegs, in Prag, Dublin und sonstwo.
Fremde Sprachen werden im Text vermengt, mal singt er in englischer,
mal in deutscher und natürlich auch in italienischer Sprache. Ein
furioser Auftakt zu einem Album, dass tatsächlich auch wie ein Fotoalbum
funktioniert. Jedes Lied ein neues Bild, und ein neues Klangbild gleich
dazu. Eindringlich sein Gesang, ehrlich und interessant die Texte.
Die liegen praktischerweise gleich in der deutschen Übersetzung bei,
denn wer von uns kann außer dem üblichen "il conto, per favore" schon
wirklich Italienisch? Pollinas Band ist unglaublich gut, klingt wie
nach etlichen Konzerten aufeinander abgestimmt und eingespielt. Zwei
Stücke fallen musikalisch vielleicht etwas ab, aber immer wieder sind
es die intelligenten Texte, die einen zurückholen zum aufmerksamen
Zuhören. Ich kenne sonst niemanden, der "Hundert Jahre Einsamkeit"
von Gabriel Marcia Marquez gelesen hat und seine eigenen Gedanken
anschließend in eine derart betörende Melodie wie "Cent´anni di solitudine"
verpackt hätte. Grandezza, fantastico! Wer die Gelegenheit hat, Pollina
live zu erleben, sollte sie nutzen. Denn mit Prosecco- und Caorle-Seligkeit
hat der Mann gar nix am Hut.
Richard Ashcroft
"Alone With Everybody" (2000)
 Dieses
Album hat mich umgehauen und in seinen Bann gezogen wie lange kein
anderes mehr. Ich habe über Wochen hinweg fast nichts anderes
gehört. Ich stand auf mit dieser Musik, ich legte mich schlafen
damit, im Bett den Kopfhörer des CD-Walkmans auf dem zu dieser
Zeit reichlich verwirrten Schädel. Richard Ashcrofts "Alone
With Everybody" war genau die richtige Ansammlung wunderbarer
Songs zur richtigen Zeit, es war die Platte, die mich im Sommer, der
lange keiner war, wieder zurückholte ins pralle Leben, die mich
tief berührte, die mir zum Vertrauten, zum Freund wurde. Schon
das letzte Album seiner mittlerweile leider aufgelösten Band
"The Verve" wies einige solcher Perlen auf, aber Ashcroft
schaffte, was kaum jemand ihm zugetraut hatte: Er konnte den Verve-Abgesang
mit seinen betörend schönen Songs noch toppen. Vom kommerziellen
Gesichtspunkt blieb sein Solo-Debüt zwar bei weitem hinter dem
Millionenseller "Urban Hymns" zurück, aber das tut
der Scheibe überhaupt keinen Abbruch. Es gibt Projekte, die will
ein Musiker durchdrücken, weil sein ganzes Herzblut dahinter
steckt. Und außerdem ist es noch lange kein Qualitätsurteil,
wenn ganze Massen ein- und dasselbe Album kaufen; frag nach bei Bohlen.
Ashcroft hatte die elf Songs dieses Longplayers schon seit einiger
Zeit in der Schublade, und sie hätten mit seinen alten Verve-Kumpels
nicht schöner klingen können. Es war und es ist sein Album,
nur seines. Er hat jeden Song komponiert und geschrieben, er spielte
Gitarre, Keyboards, Percussion, Orgel, Melodica und Mellotron, er
gab den Herzschlag vor. Allen voran "You on my mind in my sleep",
aber auch "Slow was my heart", "I get my beat",
"Brave new world" und "Everybody" sind zeitlose
Klassiker (die Midtempo-Nummern "C'mon people" und "Money
to burn" ebenfalls) und werden in zwanzig Jahren kein bisschen
verstaubt klingen. Wenn unsere Kinder uns dann fragen, ob es außer
dem ganzen Kommerzmist damals auch Musik gab, die ihre Zeit überlebt
hat, dann ist das die Antwort darauf.
Frank Sinatra
"Ol´ Blue Eyes Is Back" (1973)
 Taufrisch
ist das Album nicht, zugegeben. Aber zum Glück entscheidet nicht das
Erscheinungsdatum über Gefallen oder Nichtgefallen. Francis Albert
Sinatra setzte sich Anfang der Siebziger zur Ruhe, um sich kurz darauf
(für viele nicht unerwartet) wieder zurück zu melden. Comeback ist
bei einem Namen wie dem seinen natürlich das falsche Wort. Sinatra
ist entweder da oder nicht. Mit "Ol´ Blue Eyes Is Back" (1973) war
er wieder voll da. Milder war seine Musik geworden, manche würden
sie wohl auch "poppiger" genannt haben (zur Diskussion über dieses
Thema empfehle ich das Forum unter der Fansite).
Aber eigentlich war auch dieses Album nur ein weiterer Hammer vom
Freizeit-Mafioso und Frauenschwarm. Vom Orchester (Arrangements: Gordon
Jenkins und Don Costa, Dirigent: Gordon Jenkins) perfekt begleitet,
singt Sinatra natürlich über Frauen, die Liebe und das Leben. Er blickt
milde zurück auf ein bereits zu diesem Zeitpunkt an Erfahrungen reiches
Leben, auf Enttäuschungen und auf Kindheitserinnerungen. Meine Glücksmomente
auf dem Album sind "Send in the clowns", das an seine Konzeptalben
aus den fünfziger Jahren erinnert, und "Let me try again", ein Lied
über, naja, Enttäuschung und Neuanfang. Wer Stücke wie "My way" (das
Sinatra selbst übrigens nicht mochte) oder "Love´s been good to me"
mag, kommt hier auf seine Kosten. Ein älterer Mann blickt zurück,
und er tut es mit dieser Weisheit, die nur Männern seines Alters zu
eigen ist. Sinatra war wieder da, und allen Las-Vegas-Kaschperln zeigte
er, wo der Barthel den Most holt.
[11. Dezember 2000]
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