Die Autorin ist begeisterte Chatterin und vermag gut abzuschätzen,
was gute von schlechten Chaträumen unterscheidet.
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Kleiner Gott im grauen Kasten
Das Internet ist heute nicht mehr aus unserem Leben weg zu denken.
Es wird nicht nur für Informationen, zur Nachrichtenübermittlung oder
zum Einkaufen genutzt. Immer mehr Menschen vergnügen sich beim Chatten.
Was ist denn eigentlich Chatten werden sich jetzt einige fragen. Es
ist nichts anderes als eine Unterhaltung per PC, durch hurtiges Betätigen
der Tastatur, in extra dafür geschaffenen Chatrooms. Es gibt sogenannte
Themenchats und allgemeine Chats. Auch für verschiedene Altersklassen
oder Regionen sind separate Chaträume vorhanden. Für den richtigen
Umgang unter den Chattern sorgt die Chatiquette, die in den Grundzügen
für alle Chats im Internet gültig ist. Jeder Chat ergänzt diese Regeln
noch um seine Besonderheiten. Auch darf man seine Ansprüche an solch
einen virtuellen Gesprächspartner nicht zu hoch schrauben. Leider
habe ich noch keine Untersuchungen über das Chatverhalten der Menschen
gefunden. Aber man kann davon ausgehen, dass der überwiegende Teil
der Leute nicht immer die Wahrheit über sich selber sagt. Spätestens
beim ersten Chattertreffen würde das herauskommen und so ist es nicht
verwunderlich, dass viele zu solchen Treffen nicht erscheinen.
Wenn man länger in einem Chat ist, kann man viel erleben. Es war
einmal..., so beginnen eigentlich die guten alten Märchen. Aber so
beginne ich nun mal die Erfahrungen, die ich über einen Zeitraum von
einem Jahr in einem Chatroom gesammelt habe. Es war einmal ein wunderschöner
Chat in diesem fast unendlich anmutenden weltweiten Netz. Technisch
gesehen ist es immer noch einer der besten. Aber was sich dort abgespielt
hat, lässt jede tägliche Soap im Fernsehen zum Langweiler herabsinken.
Nennen wir diesen Chat doch einfach Zimmer. Es gibt dort über 8.000
registrierte Mitglieder, eine Top-Chatter-Liste, eine Meinungsseite
und noch viel mehr. Zimmer ging im August vor einem Jahr das erste
Mal online. Er wurde von einem jungen engagierten Programmiererteam
erschaffen. Nicht jeder hat eine Vorstellung, wie schwierig und aufwendig
es ist, so ein Programm auf die Beine zu stellen. Auch ich habe nur
eine ungefähre Ahnung. Auf jeden Fall kämpfte das Chatteam anfangs
um jeden Chatter, den es bekommen konnte. Sie brauchten diese Leute
ja, um eventuelle Fehler zu erkennen und zu beheben. In der Anfangsphase
konnte es durchaus passieren, dass man ganz alleine dort war. Doch
nach und nach schnellte die Zahl der Teilnehmer durch Mundpropaganda
in die Höhe. Es entstanden einige virtuelle Freundschaften, von
denen heute noch einige existieren. Alles lief wunderbar und auch
der Chat wurde durch die Mithilfe der Chatter technisch immer ausgefeilter.
Er verfügt über viele Funktionen, wie z. B. Memos hinterlassen, eine
Info über den Gesprächspartner (sofern der diese ausgefüllt hat),
eine Top-Chatter-Liste, eine der umfangreichsten Smiliesammlungen,
die ich je in einem Chat erlebt habe und seit neuestem sogar über
die Möglichkeit, an den Chatpartner aus dem Chat heraus eine SMS-Nachricht
zu senden. Einige Superuser (Aufpasser) sorgen dafür, dass Störenfriede
keine Chance haben.
Aber urplötzlich wurde es ungemütlich. Es fing damit an, dass ein
Chatter sich zwar zu einem inoffiziellen Chattertreffen angemeldet
hatte, aber dann dort nicht erschien. Dieses Spielchen wiederholte
sich einige Male. Das wäre ja nicht weiter schlimm, aber ein Administrator
fühlte sich dadurch beleidigt. Der nicht erschienende Chatter war
auch noch mit einer Frau aus dem Chat zusammen. Als er bei letzten
Treffen wieder nicht erschien, veröffentlichte die "Dame" die Memos
und die geflüsterten Nachrichten ihres Liebhabers im WWW-Board. Natürlich
regten sich einige andere Chatter darüber auf, dass solche intimen
Einzelheiten in der Öffentlichkeit breitgetreten wurden. Diese Chatterin
ist nun auch noch eine Busenfreundin des beleidigten Administrators.
Dieser wiederum entfernte aus dem Board die Einträge, die ihn oder
seine "Freundin" kritisierten. Im Chat darauf angeredet, dass er eine
willkürliche Zensur betreibt, sperrte er den jeweiligen Chatter. Es
gab einige sehr unschöne Streitereien. Mittlerweile sind aus dem Chat
fast alle guten Chatter ausgeschlossen. Dafür wurden mit der SMS-Funktion
viele Jugendliche angelockt, die ansonsten nur durch übertriebene
Smilie-Ketten oder dumme Bemerkungen auffallen. Und unser junger Admin
ging sogar noch weiter. Er schrieb in das Board Sachen, die einzig
und allein den Chatter, der einfach nicht zu den Treffen erschien,
angehen. Grobe Verstösse gegen den Datenschutz also. Ausserdem wurde
bekannt, dass der Admin die geflüsterten Nachrichten, die ja eigentlich
nur die beiden, die miteinander flüstern, angehen, mitlesen konnte.
Und er denkt jetzt, er ist ein kleiner Gott. Er schliesst Chatter
aus dem Chat aus, wie es ihm nur passt. Eine Begründung seines Verhalten
gibt es nicht, denn er ist ja im Chat der Chef. So drückt er sich
aus. Dabei vergisst er, dass der Zimmer das, was er heute ist, erst
durch die aktive Mithilfe der Chatter geworden ist. Kleine Fehler
oder Verbesserungsmöglichkeiten wurden von den Chattern an das Team
gemeldet und der Chat wurde mit jedem Mal besser. Heute sagt der Admin,
Chatter sind "ein unerwünschtes Nebenprodukt, das nur Geld kostet".
Er hat den Traum, durch den Verkauf dieses Chatprinzips reich zu werden.
"Träum weiter, Junge" kann man dazu nur sagen. Die Zeiten, in denen
man sich mit solchen Spielereien im Internet eine goldene Nase verdienen
konnte, sind lange schon vorbei. Denn revolutionär ist die Idee eines
Chatrooms nun wirklich nicht. Es ist schade, dass ein Einzelner einen
richtig guten Chat so kaputt machen kann. Ich war gerne dort, denn
das Publikum war sehr gemischt. Von ganz jung bis alt, vom Hauptschüler
bis zum Studenten, vom Arbeiter bis zum Firmenchef war dort alles
vertreten. Aber mit diesem Stress macht das Chatten keinen Spass mehr.
Nun, alle, mit denen ich mich gut verstanden habe, sind auf meiner
ICQ-Liste und ich
unterhalte mich weiterhin mit ihnen. Auf einen Chat, in dem eine Diktatur
herrscht, schlimmer als man sich das aus geschichtlichen Geschehnissen
vorstellen kann, lege ich indes keinen Wert.
Ich bin sicher, ich werde wieder einen neuen Chat finden, in dem
ich mich wohlfühlen kann. Ich danke all denen, die mir Adressen von
Chats genannt haben und ich bin sicher, wir werden uns dort mal treffen.
An alle, die anfangen wollen zu chatten: passt auf, wie sich die Admins,
Superuser, Operatoren oder wie sie sich sonst nennen, benehmen und
wie der Umgangston im Chat ist.
Die Namen des Chats und der Betroffenen sind frei erfunden. Sie
haben nichts mit einem evtl. tatsächlich bestehenden Chat des
Namens Zimmer und dessen Chatter zu tun. Lediglich die Handlung ist
Tatsache. Der Autorin sind die echten Namen alle bekannt.
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