Ausgabe 13 : Glosse

  
 

Eva Schade

Die Autorin ist begeisterte Chatterin und vermag gut abzuschätzen, was gute von schlechten Chaträumen unterscheidet.

Kleiner Gott im grauen Kasten

 

Das Internet ist heute nicht mehr aus unserem Leben weg zu denken. Es wird nicht nur für Informationen, zur Nachrichtenübermittlung oder zum Einkaufen genutzt. Immer mehr Menschen vergnügen sich beim Chatten. Was ist denn eigentlich Chatten werden sich jetzt einige fragen. Es ist nichts anderes als eine Unterhaltung per PC, durch hurtiges Betätigen der Tastatur, in extra dafür geschaffenen Chatrooms. Es gibt sogenannte Themenchats und allgemeine Chats. Auch für verschiedene Altersklassen oder Regionen sind separate Chaträume vorhanden. Für den richtigen Umgang unter den Chattern sorgt die Chatiquette, die in den Grundzügen für alle Chats im Internet gültig ist. Jeder Chat ergänzt diese Regeln noch um seine Besonderheiten. Auch darf man seine Ansprüche an solch einen virtuellen Gesprächspartner nicht zu hoch schrauben. Leider habe ich noch keine Untersuchungen über das Chatverhalten der Menschen gefunden. Aber man kann davon ausgehen, dass der überwiegende Teil der Leute nicht immer die Wahrheit über sich selber sagt. Spätestens beim ersten Chattertreffen würde das herauskommen und so ist es nicht verwunderlich, dass viele zu solchen Treffen nicht erscheinen.

 

Wenn man länger in einem Chat ist, kann man viel erleben. Es war einmal..., so beginnen eigentlich die guten alten Märchen. Aber so beginne ich nun mal die Erfahrungen, die ich über einen Zeitraum von einem Jahr in einem Chatroom gesammelt habe. Es war einmal ein wunderschöner Chat in diesem fast unendlich anmutenden weltweiten Netz. Technisch gesehen ist es immer noch einer der besten. Aber was sich dort abgespielt hat, lässt jede tägliche Soap im Fernsehen zum Langweiler herabsinken. Nennen wir diesen Chat doch einfach Zimmer. Es gibt dort über 8.000 registrierte Mitglieder, eine Top-Chatter-Liste, eine Meinungsseite und noch viel mehr. Zimmer ging im August vor einem Jahr das erste Mal online. Er wurde von einem jungen engagierten Programmiererteam erschaffen. Nicht jeder hat eine Vorstellung, wie schwierig und aufwendig es ist, so ein Programm auf die Beine zu stellen. Auch ich habe nur eine ungefähre Ahnung. Auf jeden Fall kämpfte das Chatteam anfangs um jeden Chatter, den es bekommen konnte. Sie brauchten diese Leute ja, um eventuelle Fehler zu erkennen und zu beheben. In der Anfangsphase konnte es durchaus passieren, dass man ganz alleine dort war. Doch nach und nach schnellte die Zahl der Teilnehmer durch Mundpropaganda in die Höhe. Es entstanden einige virtuelle Freundschaften, von denen heute noch einige existieren. Alles lief wunderbar und auch der Chat wurde durch die Mithilfe der Chatter technisch immer ausgefeilter. Er verfügt über viele Funktionen, wie z. B. Memos hinterlassen, eine Info über den Gesprächspartner (sofern der diese ausgefüllt hat), eine Top-Chatter-Liste, eine der umfangreichsten Smiliesammlungen, die ich je in einem Chat erlebt habe und seit neuestem sogar über die Möglichkeit, an den Chatpartner aus dem Chat heraus eine SMS-Nachricht zu senden. Einige Superuser (Aufpasser) sorgen dafür, dass Störenfriede keine Chance haben.

 

Aber urplötzlich wurde es ungemütlich. Es fing damit an, dass ein Chatter sich zwar zu einem inoffiziellen Chattertreffen angemeldet hatte, aber dann dort nicht erschien. Dieses Spielchen wiederholte sich einige Male. Das wäre ja nicht weiter schlimm, aber ein Administrator fühlte sich dadurch beleidigt. Der nicht erschienende Chatter war auch noch mit einer Frau aus dem Chat zusammen. Als er bei letzten Treffen wieder nicht erschien, veröffentlichte die "Dame" die Memos und die geflüsterten Nachrichten ihres Liebhabers im WWW-Board. Natürlich regten sich einige andere Chatter darüber auf, dass solche intimen Einzelheiten in der Öffentlichkeit breitgetreten wurden. Diese Chatterin ist nun auch noch eine Busenfreundin des beleidigten Administrators. Dieser wiederum entfernte aus dem Board die Einträge, die ihn oder seine "Freundin" kritisierten. Im Chat darauf angeredet, dass er eine willkürliche Zensur betreibt, sperrte er den jeweiligen Chatter. Es gab einige sehr unschöne Streitereien. Mittlerweile sind aus dem Chat fast alle guten Chatter ausgeschlossen. Dafür wurden mit der SMS-Funktion viele Jugendliche angelockt, die ansonsten nur durch übertriebene Smilie-Ketten oder dumme Bemerkungen auffallen. Und unser junger Admin ging sogar noch weiter. Er schrieb in das Board Sachen, die einzig und allein den Chatter, der einfach nicht zu den Treffen erschien, angehen. Grobe Verstösse gegen den Datenschutz also. Ausserdem wurde bekannt, dass der Admin die geflüsterten Nachrichten, die ja eigentlich nur die beiden, die miteinander flüstern, angehen, mitlesen konnte. Und er denkt jetzt, er ist ein kleiner Gott. Er schliesst Chatter aus dem Chat aus, wie es ihm nur passt. Eine Begründung seines Verhalten gibt es nicht, denn er ist ja im Chat der Chef. So drückt er sich aus. Dabei vergisst er, dass der Zimmer das, was er heute ist, erst durch die aktive Mithilfe der Chatter geworden ist. Kleine Fehler oder Verbesserungsmöglichkeiten wurden von den Chattern an das Team gemeldet und der Chat wurde mit jedem Mal besser. Heute sagt der Admin, Chatter sind "ein unerwünschtes Nebenprodukt, das nur Geld kostet". Er hat den Traum, durch den Verkauf dieses Chatprinzips reich zu werden.

 

"Träum weiter, Junge" kann man dazu nur sagen. Die Zeiten, in denen man sich mit solchen Spielereien im Internet eine goldene Nase verdienen konnte, sind lange schon vorbei. Denn revolutionär ist die Idee eines Chatrooms nun wirklich nicht. Es ist schade, dass ein Einzelner einen richtig guten Chat so kaputt machen kann. Ich war gerne dort, denn das Publikum war sehr gemischt. Von ganz jung bis alt, vom Hauptschüler bis zum Studenten, vom Arbeiter bis zum Firmenchef war dort alles vertreten. Aber mit diesem Stress macht das Chatten keinen Spass mehr. Nun, alle, mit denen ich mich gut verstanden habe, sind auf meiner ICQ-Liste und ich unterhalte mich weiterhin mit ihnen. Auf einen Chat, in dem eine Diktatur herrscht, schlimmer als man sich das aus geschichtlichen Geschehnissen vorstellen kann, lege ich indes keinen Wert.

 

Ich bin sicher, ich werde wieder einen neuen Chat finden, in dem ich mich wohlfühlen kann. Ich danke all denen, die mir Adressen von Chats genannt haben und ich bin sicher, wir werden uns dort mal treffen. An alle, die anfangen wollen zu chatten: passt auf, wie sich die Admins, Superuser, Operatoren oder wie sie sich sonst nennen, benehmen und wie der Umgangston im Chat ist.

 

Die Namen des Chats und der Betroffenen sind frei erfunden. Sie haben nichts mit einem evtl. tatsächlich bestehenden Chat des Namens Zimmer und dessen Chatter zu tun. Lediglich die Handlung ist Tatsache. Der Autorin sind die echten Namen alle bekannt.

 

ZEIT-Artikel vom 14.12.2000 zum Thema Chatten

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