Weltschmerz mit Strickmütze
Michael Almereyda verfilmt "Hamlet" mit
Ethan Hawke in der Hauptrolle
 Aus
Dänemark wird die Denmark Corporation, die Geschichte spielt in New
York City, natürlich im Jahr 2000. Hamlet hat weniger Ähnlichkeit mit
einem Prinz als je zuvor, dafür trägt er eine Strickmütze im
Slacker-Look und ist natürlich auch kein Prinz, sondern der Sohn des
soeben verstorbenen Konzernchefs.
Der Zuschauer wird sofort hinein gestossen in die hektische
Betriebsamkeit der Großstadt, mit ihren verstopften Straßen und dem
Mediengewimmel. Der König ist tot, sein geschäftstüchtiger Bruder
Claudius (Kyle McLachlan) übernimmt die Firma. Und nicht nur das,
sondern er übernimmt auch gleich die fesche Witwe Gertrude (Diane
Venora). Schon der erste Auftritt Hamlets (mit viel Weltschmerz angelegt
gespielt von Ethan Hawke) gibt die Richtung des Films vor: Die schon
erwähnte Strickmütze, orange Brille und behängt mit diversen Video-
und Digitalkameras besucht er die Pressekonferenz, auf der Claudius sich
als neuer Boss in Szene setzt, und bei er natürlich auch seine Liebe
Ophelia (Julia Stiles) trifft. So beginnt Michael Almereydas Verfilmung
von Shakespeares "Hamlet".
Es ist eine schnelle, manchmal hektische Umsetzung des Stoffes.
Überall hantieren Darsteller mit Kameras, filmen das Geschehen oder
empfangen Faxe. Wollte Almereyda damit einfach die Weltstadt hervor
heben, oder auch einfach nur einen Kontrapunkt zu den Reimen
Shakespeares setzen? Die Masche funktioniert nicht immer, aber in
einigen Szenen dafür ganz hervorragend. Zum Beispiel wenn Hamlet seinen
berühmten "Sein oder Nichtsein"-Monolog am
Video-Schneidetisch bearbeitet, mit der Pistole am Kopf und die Szene
immer wieder vor und zurück laufen lässt.
Nachdem
ihm der Geist seines Vaters (Sam Shepard) erschienen ist, möchte er
unbedingt dessen Ermordung aufklären. Gelang das beim alten Dichter
noch durch eine listige Theateraufführung, konnte in dieser (übrigens
der 44.!) Neuverfilmung natürlich nur durch einen Kurzfilm des
Filmstudenten Hamlet die Wahrheit ans Licht kommen. Almereyda hat den
Originaltext um einiges kürzen müssen, was dem Stück (in diesem Fall
dem Film) einiges von seiner Schlüssigkeit nimmt. Eindrucksvoll bleiben
indes die Darsteller, unter ihnen auch Bill Murray in der Rolle des
buckelnden, bis in den Tod loyalen Polonius oder Karl Geary als Hamlets
Freund Horatio.
Der Film wird wie schon Luhrmans "Romeo und
Julia"-Verfilmung die Frage auffwerfen, ob es legitim ist,
Shakespeare-Stücke um ihrer Kinotauglichkeit willen zu kürzen und ein
junges, auf jeden Fall anderes Publikum mit einer hippen Inszenierung in
die Filmtheater zu locken. Almereyda kann das egal sein, denn er hat mit
seinem "Hamlet" der Geschichte eine neue, manchmal zu
ambitionierte Variante hinzu gefügt.
"Hamlet", USA 2000. Regie und Drehbuch: Michael Almereyda,
Darsteller: Ethan Hawke, Diane Venora, Kyle McLachlan, Julia Stiles,
Bill Murray, Sam Shepard, Liev Schreiber, Karl Geary und andere, Länge:
111 Minuten
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