Ausgabe 15 : Glosse

  
 
 

Michael "Pius" Karl

Pius lebt und wirkt in München. Dort sieht er manchmal auch zuviel fern.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Werbens

 

Da sitz ich neulich nichts ahnend vor dem Fernseher und brotzeite vor mich hin, bereite gerade ein supergesundes Kurti-Semmerl zu, als plötzlich und unerwartet ein Wesen, namens Werbung in die Apfelschorle hupft. 
Nein, danach hat man keine Lust mehr auch nur irgendwas  jemals wieder zu essen. Hat man solche Körper schon mal gesehen? Ja, spinnt der Mann! Bin ich mit meiner Gestalt, die eher einer buckligen Laune der Natur entspricht, überhaupt berechtigt, mich diesem heiligen Sakralduft hinzugeben, der mir von aus Fleisch gewordenen gemeißelten Marmorkörpern gnädigerweise kredenzt wird? 
Aber damit nicht genug, man erlebt ein Kind, das einem ein komplettes Erdkunde- und Philosphiesemester anhand einer Kaffeepackung näher bringt. Sofort stürze ich in die Küche und muss verzweifelt feststellen, dass ich mein "Lehrbuch" von Tschibo schon entsorgt habe. Geknickt kehre ich auf das Schlachtfeld zurück und muss miterleben, wie sich junge, dynamische, hübsche und supertophypergestylte Außerirdische gegenseitig Küsschen in den Mund gleiten lassen, eine Chipsparty feiern, dass die Münchner Wies´n und der Kölner Karneval daneben wie die Jahreshauptversammlung der Kaninchenfreunde Pirmasens aussehen, und sich dann anhand eines Butterersatzes ein erotisches Stelldichein in Gottes freier Natur geben. Marmelade wird wie Gleitcreme feilgeboten, und nachdem ich gesehen habe, wie "uns Claudia" in ein Auto einsteigt und zwei Sekunden später gegen eine Mauer fährt, will ich nicht mehr, dass meine Freundin auch nur noch irgendwo in die Nähe meines Airbags hustet. Was genau ist da die Zielgruppe? Autos für suizidgefährdete Millionärsmodels?

Mit letzter Kraft lasse ich mich auf die Fernbedienung fallen und genieße mich und mein Leben in einer noch nie erahnten Stille auf meinem Teppich von IKEA.

 

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