Pius lebt und wirkt in München. Er hegt eine gefährliche Vorliebe
für landwirtschaftliche Produkte.
|
BSE: Bauern, Schläue, Einfalt
In meiner Kindheit gab es eine Rockergang namens
"Yankees". Die oberbayerische Antwort auf die "Hell´s Angels".
Jeder in unserem Ort hatte Angst oder zumindest Respekt vor den Jungs. Die
Gerüchte überschlugen sich, und Legenden vom Leder-Sepp, Kolben-Fritz und
Schlangen-Schorsch werden heute noch im Heimatkunde-Unterricht in der
Grundschule und an den großen Feuern im Pausenhof weitergegeben. Egal, was
damals wirklich passiert ist, es war auf jeden Fall nicht immer für alle
Beteiligten lustig und nicht nur Eltern machten sich damals berechtigt und
mächtig Sorgen.
Doch im Schutze der Tradition dümpelt eine ganz andere Gang. Sie versorgen uns
seit Jahren mit Grundnahrungsmitteln und wir vertrauen Ihnen. Blind,
wohlgemerkt! In der Industrie wäre der Fall einfach: Der Einkauf hat schlechte
Betriebsstoffe gekauft und dadurch haben wir ein schlechtes Endprodukt. Der
Endkunde kauft den Schrott nicht und wir gehen pleite. Punkt, Aus, Äpfel,
Amen.
Niemand scherrt sich einen Dreck drum. Jetzt kauft ein Bauer schlechtes, aber
billiges Tiermehl, verseucht seine Existenzgrundlage und flennt dann in
die Kamera und lässt uns wissen, daß er zwar in der 35. Generation Rinder
züchtet, aber nie daran gedacht hat, daß im Tiermehl BSE-Erreger sein
könnten.
Naivität, was willst Du mehr? Sofort wird ihm die geschlachtete Herde durch
zwei neue Kälber ersetzt und weiter geht’s. Natürlich sind die Anderen schuld.
Vom Politiker über den bösen Ausländer, der das Mehl verkauft, über den
Veterinär bis hin zum Endverbraucher, der ja unbedingt Rindfleisch essen muss.
Stimmt, wäre der saure Regen und Waldsterben nicht, könnten wir uns ja immer
noch von Rinde ernähren, sowie in der guten alten Zeit.
Meinen Kindheitsalbtraumgenossen, den "Yankees", konnte ich mich
entziehen. Aber als alter McBurger-Suchtler, Milchfetischist und Eierköpfer bin
ich der Bauerngang schamlos ausgeliefert und bin bereit meine monatlichen
Schutzgelder über die Staatskassen abzudrücken. Nie würde ich es wagen dem
großen Bauernvorstandspaten Alois Corleone auch nur einen Hauch von Realismus
entgegenzuhalten. In Stille, Demut und aus Angst irgendwann mit einer
Revolutzerkuh an den Beinen gebunden in einer Mistgrube im Dachauer Hinterland
versenkt zu werden, ertrage ich mein Schicksal. Das Einzige was mir bleibt, ist
die Hoffnung, dass die "Yankees" keine Vegetarier sind.
|