Ausgabe 16/17 : Glosse

  
 
 

Michael "Pius" Karl

Pius lebt und wirkt in München. Er hegt eine gefährliche Vorliebe für landwirtschaftliche Produkte.

BSE: Bauern, Schläue, Einfalt

 

In meiner Kindheit gab es eine Rockergang namens "Yankees". Die oberbayerische Antwort auf die "Hell´s Angels". Jeder in unserem Ort hatte Angst oder zumindest Respekt vor den Jungs. Die Gerüchte überschlugen sich, und Legenden vom Leder-Sepp, Kolben-Fritz und Schlangen-Schorsch werden heute noch im Heimatkunde-Unterricht in der Grundschule und an den großen Feuern im Pausenhof weitergegeben. Egal, was damals wirklich passiert ist, es war auf jeden Fall nicht immer für alle Beteiligten lustig und nicht nur Eltern machten sich damals berechtigt und mächtig Sorgen.

Doch im Schutze der Tradition dümpelt eine ganz andere Gang. Sie versorgen uns seit Jahren mit Grundnahrungsmitteln und wir vertrauen Ihnen. Blind, wohlgemerkt! In der Industrie wäre der Fall einfach: Der Einkauf hat schlechte Betriebsstoffe gekauft und dadurch haben wir ein schlechtes Endprodukt. Der Endkunde kauft den Schrott nicht und wir gehen pleite. Punkt, Aus, Äpfel, Amen. 
Niemand scherrt sich einen Dreck drum. Jetzt kauft ein Bauer schlechtes, aber billiges  Tiermehl, verseucht seine Existenzgrundlage und flennt dann in die Kamera und lässt uns wissen, daß er zwar in der 35. Generation Rinder züchtet, aber nie daran gedacht hat, daß im Tiermehl BSE-Erreger sein könnten. 
Naivität, was willst Du mehr? Sofort wird ihm die geschlachtete Herde durch zwei neue Kälber ersetzt und weiter geht’s. Natürlich sind die Anderen schuld. Vom Politiker über den bösen Ausländer, der das Mehl verkauft, über den Veterinär bis hin zum Endverbraucher, der ja unbedingt Rindfleisch essen muss. Stimmt, wäre der saure Regen und Waldsterben nicht, könnten wir uns ja immer noch von Rinde ernähren, sowie in der guten alten Zeit.

Meinen Kindheitsalbtraumgenossen, den "Yankees", konnte ich mich entziehen. Aber als alter McBurger-Suchtler, Milchfetischist und Eierköpfer bin ich der Bauerngang schamlos ausgeliefert und bin bereit meine monatlichen Schutzgelder über die Staatskassen abzudrücken. Nie würde ich es wagen dem großen Bauernvorstandspaten Alois Corleone auch nur einen Hauch von Realismus entgegenzuhalten. In Stille, Demut und aus Angst irgendwann mit einer Revolutzerkuh an den Beinen gebunden in einer Mistgrube im Dachauer Hinterland versenkt zu werden, ertrage ich mein Schicksal. Das Einzige was mir bleibt, ist die Hoffnung, dass die "Yankees" keine Vegetarier sind.



Noch ein wenig Öl ins BSE-Feuer: Das Dossier der ZEIT 03/20001

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