Ausgabe 19 : CD-Kritik

  
 

Billy Joel "The Ultimate Collection"

Billy Joel

Anfang der 70er Jahre musste er noch gemeinsam mit Chubby Checker Werbung für Brezeln machen. Doch sein Talent ließ ihn nicht im Stich.

Billy Joel "The Ultimate Collection" (Sony)

Da schaut einer cool durch die Sonnenbrille, mit einer Art Dreißig-Tage-Bart und serviert uns eine Sammlung seiner größten Erfolge. Billy Joel hat bereits vor einigen Jahren bekundet, sich aus dem Rock-Business zurück zu ziehen, und sich fortan der ernsthaften Musik zu widmen.
Eigentlich nicht schade, weil die letzten Liedersammlungen recht lustlos wirkten. Traurig aber, wenn man die Songs hört, die vor dieser Phase entstanden. Joel war immer noch einen Tick amerikanischer als ein Kollege, mit dem er oft verglichen wurde (was umgekehrt selten der Fall war), Bruce Springsteen. Joel war der Entertainer, der "Piano Man". Seine Arrangements waren Rock, aber nicht immer kompromisslos.
Genau das war das Hinterhältige daran. Joel konnte immer einlullen mit seinen melodischen, vom Piano geführten Stücken. Die Texte, die häufig das spießige Kleinstadtleben thematisierten, hatten es aber viel dicker in sich, als es die musikalische Fassade vermuten ließ. Nur wer zuhörte, wurde belohnt mit Geschichten über runtergekommene Orte wie Allentown oder Pianisten, die in Bars die Vergangenheit der Gäste mit einer alten Melodie auffrischen müssen (etwas, das Joel aus finanzieller Not heraus selbst machte). 
Auf dem Album "An Innocent Man" (1983) verband der Mann aus der New Yorker Bronx die Musik seiner Kindheit zu zehn Songs, die eine einzige Hommage an die Motown-Gruppen, Frankie Valli, Del Shannon und andere waren.
Von Anpassung konnte nie die Rede sein, jedenfalls nicht bis zur Mitte der Neunziger. Sein Album "Stormfront" zeigte den Künstler 1989 noch einmal in Hochform: In Songs wie "We didn´t start the fire", "Downeaster Alexa" und "Leningrad" erzählte der geschichtsinteressierte Billy Joel von Menschen und Schicksalen, die in Amerika nicht viel anders aussahen als in der ehemaligen Sowjetunion. Jahre später, mit "River of Dreams", hatte Joel spürbar die Lust verloren.
Das Booklet enthält zwar leider nur die Texte und nichtssagende Linernotes von Patrick Humphries, doch dafür kann der interessierte Einsteiger mit dieser Doppel-CD die Faszination des genialen Beobachters und "Piano Man" Billy Joel nachvollziehen.


Thomas Uhle

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