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Cast Away - Verschollen
Von Tom Hanks ist man einiges gewohnt, von Robert Zemeckis auch, ihre
Kooperation konnte man schon bei "Forrest Gump" bewundern, und jetzt
wieder bei "Cast Away".
Trotz der großen Namen (Helen Hunt gesellt sich auch noch dazu), war vorab
wenig über den Film bekannt, der Kinostart verlief unspektakulär und seither
werden die Medien auch nicht gerade von wohlwollenden Rezensionen, kritischen
Kommentaren und unbedeutenden Meinungen überschwemmt. Was ist passiert?
Die Antwort gibt - denke ich - der Film selbst. Er ist selbst unspektakulär,
sieht man einmal von der Tatsache ab, dass wir die eigentliche Story einem
Flugzeugabsturz verdanken.
 Chuck
Noland (Tom Hanks) ist rastlos, hat er doch den Pakettransfer von "FedEx"
zu beschleunigen, und das weltweit, rund um die Uhr. Die Uhr ist daher sein
größter Feind, denn sie verfließt unerbittlich. Aber er liebt diese Uhr,
vielmehr die rennende Zeit, denn sie gibt ihm die Berechtigung, seinen Job so
zu machen. Und die Befriedigung. Das Zusammenleben mit seiner Freundin Kelly
Frears (Helen Hunt) ist routinierte Nebensache. Zum Christmas Dinner findet er
sich kurz zu Hause ein, nur um sogleich nach Malaysia abbeordert zu werden.
Doch das Flugzeug gerät über dem Pazifik trotz einer Ausweichroute in ein
schweres Unwetter, wir sehen gerade noch Chuck in der Toilette, bevor es einen
dumpfen Knall gibt, die ganze Maschine anfängt zu rütteln und die Paketboxen
wild zu trudeln beginnen. Das Flugzeug gerät außer Kontrolle, in Steillage,
und schlägt auf der Wasseroberfläche auf. Meisterhaft wie Zemeckis das
inszeniert: Die Kamera bleibt im Flugzeug, der Zuschauer wird zum Passagier,
der genauso zufällig überlebt (und den Film weitersehen kann) wie Chuck.
Danach Wasser, Meer, Regen, Wolken...
Irgendwann strandet Chucks gelbe Rettungsinsel an einer dunklen Vulkaninsel,
die wie Chuck zu seinem Entsetzen feststellen muss, unbewohnt ist. Es ist ein
Berg, der aus dem Meer ragt, ein bisschen Strand außenum und ein paar Palmen.
Keine Zivilisation, keine Menschen, kaum Tiere, auf jeden Fall keine Uhren;
bis auf die Taschenuhr, die ihm seine Freundin zu Weihnachten geschenkt hatte,
aber die lief nicht mehr.
Viel schlimmer wiegt aber: Es gibt kein (Trink-)Wasser. Und so macht sich
Chuck, allen Werkzeugs beraubt, wie der erste Mensch auf Erden auf, die üppig
vorhandenen Kokosnüsse zu knacken. Kein
einfaches Unterfangen. Nach diversen Versuchen, (er-)findet Chuck den
Faustkeil. Später das Feuer. Und etwas zu essen. Das alles zeigt uns Zemeckis
mit einer Ruhe und Gelassenheit, die einem ohne Zeitdruck eben zu eigen ist:
Große Aufnahmen, lange Passagen, statische Bilder. Ohne Musik. Die Handlung
fließt nicht, sie treibt von einer Episode zur nächsten, nie ohne die Mühen
zu zeigen, die hinter den einfachsten Errungenschaften menschlicher
Zivilisation stecken. Die Zeit wird nicht mehr wahrgenommen, sie ist im
täglichen Kampf um Nahrung und Überleben unbedeutend.
Wie gesagt, der Film ist an sich nicht spektakulär, kein Reißer wie
"Mission Impossible". Verkauft sich nicht dank der Oberweite der
Hauptdarstellerin. Oder weil der Plot besonders hip ist.
 "Cast
Away" verdankt seine Kraft in erster Linie einem grandiosen Tom Hanks.
Nicht nur dass er für den Dreh, der sich über 16 Monate hinzog, ordentlich
gefastet und trainiert hat. Hanks ist momentan der einzige
Hollywood-Actor, der auf einer (ganz und gar nicht idyllischen) schroffen
Vulkaninsel nicht den starken Mann markiert, sondern leidet, wie jeder von uns
leiden würde. An Hunger, Durst, zerschundenen Händen, und vor allem an
Einsamkeit. Der eine Freundschaft zu einem Volleyball ("Wilson")
spielen kann ohne lächerlich zu wirken. Dessen Emotionen und Gedanken
sichtbar werden, ohne dass er überhaupt etwas sagen müsste. "Cast Away"
ist eine Tom-Hanks-Ein-Mann-Show.
Noch ein paar Worte: Selten war ein Blockbuster so optisch geprägt; kaum
Text, kaum Musik, dafür Bilder von fabelhafter Qualität; eine Augenweide
sozusagen. Zemeckis Gespür für das Optische wird gerade im kleinen sichtbar,
an der kaputten Taschenuhr, am auftauchenden Wal, an der Puppe am Galgen. Die
Massivität der "FedEx"-Werbung allerdings ist schwer zu ertragen;
böse Zungen behaupten, die Firma hätte die Drehkosten aus dem PR-Etat
berappt.
Jedenfalls ist der Film nicht widerspruchsfrei, nicht ganz logisch, auf jeden
Fall nicht kalkulierbar. Das rettet ihn. Außerdem Helen Hunt, die in ihren
einfühlsamen Art, eine ganz und gar nicht kitschige Beziehungsszene vor dem
Absinken in die Banalität und dem Film ein würdiges Ende bewahrt.
"Cast Away" ist ein Film über die Dinge im Leben, die uns wichtig
sind, und jene die es vielleicht besser sein sollten. Großartig
unspektakulär.
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Peter Melchior
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