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  Ausgabe 20 : Titel

  
 
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Wenn Schanzer Gemütlichkeit ins Rollen kommt

Die Ingolstädter Band Slut veröffentlicht ihr neues Album


Christian und Matthias Neuburger (c) IN-tickerVon Glamour und Ruhm keine Spur an diesem Abend im der Wirtschaft "Goldener Stern", mitten in Ingolstadts Altstadt. Obwohl an einem Tisch in der Ecke zwei Burschen sitzen, die mit ihrer Rockband Slut turbulenten Wochen und Monaten entgegen blicken. Doch davon ist erstmal nichts zu merken. Sie sitzen gemütlich im Eck, schwatzen und trinken Bier. Am nächsten Tag werden sie bei "MTV Select" zu sehen sein, zwei Tage später bei "Viva" auf der Couch sitzen. 

 


Vom Schulhof des Reuchlin-Gymnasiums...


Den Streß lassen sie sich nicht anmerken. Stattdessen erzählen Christian und Matthias Neuburger von der Vorproduktion ihres Albums. Die hat insgesamt ein Jahr in Anspruch genommen. Eine lange Zeit, doch wenn man erfährt, dass die fünf Bandmitglieder möglichst alles selbst machen und Dinge nur ungern aus der Hand geben, erklärt sich das von selbst. In den rund sechs Jahren ihres Bestehens hat sich das Interesse an den "Kleinigkeiten" wie zum Beispiel der Gestaltung des Albumcovers oder die Pflege ihrer Homepage nicht verringert. Sie erzählen von London, wo sie gerade für ein paar Tage waren und wo ihr neues Album "Lookbook" gemastert wurde. Nicht irgendwo von irgendwem, sondern von Chris Blair in den Abbey Road Studios, die für Beatles-Fans in aller Welt eine geradezu magische Anziehungskraft besitzen. Mit der Arbeit Blairs sind sie sehr zufrieden. Matthias: "Der hat das Band eingelegt, hier gedreht, da gedrückt, und war nach zwei Tagen fertig." Kein Wunder, Blair ist schließlich Profi und legt auch Hand an die Alben von Oasis und Radiohead.

 


...über Weilheim und London...


Cover der CD "Interference"Damals, als sie zusammen mit Gerd Rosenacker ins Reuchlin-Gymnasium gingen, und eigentlich nur wussten, was sie wollten und mochten, aber kaum die Instrumente beherrschten, war das noch nicht abzusehen. Schulfreund und Gitarrist Rainer Schaller stieß zu ihnen, und entpuppte sich als wertvoller Ratgeber. Erste Auftritte folgten, doch viel wichtiger (und im Nachhinein besehen eine bedeutsame Entscheidung) waren die ersten eigenen Aufnahmen. In den Uphon-Studios in Weilheim konnten sie ihre CD mit vier Stücken aufnehmen. Diese Studios gehören Mario Thaler, dessen Name als Produzent der Band Notwist bereits für Furore sorgte, und so war es nicht verwunderlich, dass einige Plattenfirmen auf sie aufmerksam wurden. Slut waren mit Keyboarder René Arbeithuber inzwischen zum Quintett angewachsen, als sie beim "Sticksister"-Label unterschrieben. "Aber die hatten das mit dem Vertrieb nie so recht hinbekommen", erinnert sich Matthias Neuburger. So kam es zwar, dass Slut auf Festivals in Skandinavien und Belgien spielten, doch ihre Platten nicht überall erhältlich waren. Ein ziemliches Hindernis, wenn man gern "richtig" Musik machen möchte.

So wollten sie für ihr nächstes Album ein neues Label suchen. Fündig wurden sie bei der Münchner Abteilung des Musikkonzerns Virgin. Die räumliche Nähe zu München war für Slut ein entscheidendes Kriterium, denn ihrer Heimat möchten sie verbunden bleiben. Wie kommt es dann, dass sie in Ingolstadt nur selten auftreten? "Das hat sich einfach dadurch ergeben, dass wir schon frühzeitig nicht immer nur in Ingolstadt spielen wollten", sagt Christian Neuburger. Doch möglicherweise bekommen die Fans in der Heimatstadt noch in diesem Jahr eine Gelegenheit, die Band live zu erleben.

Nun stecken Slut also mittendrin dieser "Haifischbranche", wie manche das Geschäft mit der Musik gern bezeichnen. Doch auch das kann sie nicht wirklich erschüttern. Die beiden Brüder atmen tief durch, und lachen dann doch wieder drüber. Für sie ist diese Band keine "Firma", die Bande zwischen ihnen keine Geschäftsbeziehung. Auf der Bühne und im Studio stehen fünf Freunde, denen der kumpelhafte Umgang miteinander wichtig geblieben ist.

 

 


...ins Münchner "Atomic Café"


Ticket vom 16.2.2001 Szenenwechsel, 16. Februar im "Atomic Café" in München. Schon seit Wochen ist der kleine Club ausverkauft, vor dem Eingang eine riesige Schlange. Slut geben an diesem Abend eines von sieben Konzerten ihrer kleinen Minitour, die sie kurz vor der Veröffentlichung von "Lookbook" in einige deutsche Großstädte und nach Wien geführt hat. "Die deutschen Radiohead", kündigt der Club den Auftritt an. Die Erwartungshaltung im Publikum ist bei einigen mit den Händen greifbar, und manche sind wohl extra aus Ingolstadt angereist, während andere eher wie typische Münchner Adabeis aussehen. (Diese Idioten, die sich für die Musik überhaupt nicht interessieren, und während des gesamten Auftritts dummes Zeug labern, wären vielleicht mal eine wissenschaftliche Untersuchung wert?)

Nachdem die Beangrowers aus Malta die undankbare Aufgabe als Vorgruppe einigermaßen gut lösen und freundlich beklatscht werden, macht sich Konfussion bei den Gästen breit, als die ersten Mitglieder von Slut die Bühne entern. Gehört der penetrante Brummton jetzt schon zur Show, oder ist die PA defekt? Der Mischer hat zu Beginn des Gigs mit der schwierigen Akustik im "Atomic Café" zu kämpfen, doch als auch das behoben ist, wird der Abend ein sehr guter. Slut wirken auf der Bühne, als wären sie ganz in ihre Musik versunken. Aus diesem Zustand werden sie jäh von einem über die Bühne tänzelnden Kameramann gerissen, der wohl Bilder fürs nächste Video einfängt. Sänger Christian wirkt gelöst, blinzelt des öfteren kokett in die erste Reihe und René Arbeithuber ist vollauf mit seinen Klangspielereien beschäftigt.

Was gibt es über die neuen Songs zu sagen? Sie klingen in jedem Fall homogen, der Set ist klug aufgebaut und alles andere als eine zufällige Aneinanderreihung. Ein Stück mit langen Instrumentalpassagen und Tempiwechseln wirkt alles andere als zerfahren, sondern sehr organisch. Nichts deutet auf Nervosität hin, bestenfalls kann man den Jungs eine sympathische Schüchternheit bescheinigen. Doch sie scheinen zu wissen, dass sie ein möglicherweise brillantes Album im Gepäck haben. Songs an der Schnittstelle zwischen dem besten von Bands wie Codein und Radiohead. Zum Schluß gibts noch einen richtigen Kracher, den Christian Neuburger in seiner ihm eigenen Art ankündigt: "So, jetzt gibts noch die Rocksau, und dann is´ aus."

Nach diesem Auftritt bedarf es keiner Wahrsagerin, um Slut Chancen für die Zukunft voher zu sagen. Die Weichen dafür haben sie selbst gestellt. Vor ein paar Jahren in Ingolstadt.




Slut im Internet

Slut-Homepage beim Label Sticksister

"Lookbook" bei Amazon.de bestellen



Das neue Album "Lookbook" erscheint am 5. März.

Wer Slut live erleben möchte, hat dazu u. a. am 16.04. im Augsburger "Kerosin" und am 24.04. in der "Alten Mälzerei" in Regensburg Gelegenheit.


Thomas Uhle
(19. Februar 2001)

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